Komasaufen und Alkohol als Verdrängungsfaktor
Alkohol als Verdrängungsfaktor
Es ist sehr lobenswert, die Thematik des Alkoholmißbrauchs in den Focus der öffentlichen Diskussion zu heben. Um meine Meinung zur grundsätzlichen Behebung bzw. Eindämmung des Problems vorweg zu nehmen: Die wirkliche Ursache für das Verhalten des Alkoholmißbrauchs liegt in den Normen und Werten der Gesellschaft begründet – sowohl in den Familien, in Schule, Arbeitsleben, Wirtschaftssystem oder Politik. Deshalb ist es weit über das Ziel hinaus geschossen, wenn Sie das Rauschtrinken von Jugendlichen als „verachtenswert“ einstufen. Selbstverständlich sind trotzdem zur kurzfristigen Verhinderung von Ausuferungen jugendschützende Maßnahmen wie Sperrstunden in und Regulierung des Verkaufs von Alkohol in Verbindung mit Vorsorgeaktionen der Aufklärung zu treffen.
Wenn das Wirtschaftsministerium oder die FDP Bedenken wegen der Einführung von verschärften gesetzlichen Regelungen anmelden, so ist dies bezeichnend. Die Regierung (aber auch SPD und Grüne), aber speziell die FDP sind bekannt dafür, daß ihnen der Schutz der Lobbyisten stets wichtiger ist als das Wohl der Bevölkerung. Diese Bedenken deute ich deshalb so, daß dieser Seite weniger das Wohlergehen der Jugendlichen als das der Gastronomie, des Handels und der erzeugenden Industrie am Herzen liegt.

© Christiane "Chriss" Pfohlmann - Schnellzeichnerin und Karikaturistin
Die eigentliche Wurzel für den unverantwortlichen Umgang mit Alkohol ist jedoch in psychologischen und gesellschaftlichen Bereichen zu suchen. Sie haben mit Ihrer Vermutung recht, wenn sie Jugendliche als Opfer sehen und „Leistung, Konsum und Funktionieren“ als Motivationshintergrund annehmen. Es sind die gebündelten gesellschaftlichen Handlungszwänge, die nicht im Einklang mit der Sehnsucht der Jugendlichen nach einer gesicherten Zukunft in Geborgenheit stehen, die sich vor allem im Unterbewußtsein ansammeln. Um an den Anforderungen der heutigen Gesellschaft nicht zu zerbrechen, sind die Betroffenen gezwungen, zu verdrängen und zu Drogen und Alkohol zu greifen. Verdrängungen sind zwar vorübergehend aus dem Sinn - aber nicht verschwunden. Sie rächen sich immer früher oder später bzw. in den verschiedensten Verhaltensweisen oder Krankheitsymptomen. Außerdem können Verbotsmaßnahmen umgangen werden, indem man heimlich trinkt.
Das sind die Gründe, warum gesetzliche Maßnahmen und Verbote immer nur eine – unumgängliche – Notlösung darstellen können. Solange das Tabu der gesellschaftlichen Wertsysteme nicht angetastet wird, verlassen wir nicht das Feld von oberflächlichen Korrekturen. Nur radikale Wege sind auf die Dauer erfolgversprechend – aber das braucht viel Zeit und Geduld und als unbedingte Voraussetzung erst einmal Einsicht in die Zusammenhänge sowie den Mut, Tabus zu brechen.
Zum Schluß möchte ich aber nach dem Hinweis auf die gesellschaftlichen und psychologischen Zwänge auch speziell auf die persönliche Verantwortung zu sprechen kommen. Gerade die Ignoranten der gesellschaftlichen Verantwortung und einer Opferrolle betonen liebend gerne die Präferenz von Verantwortungsübernahme für eigenes Handeln oder Versagen. Selbstverständlich gilt auch für die beteiligten Akteure am Alkoholmißbrauch das Verantwortlichkeitsprinzip. Allerdings ist leider oft festzustellen, daß die Negierer der gesellschaftlichen Funktionsmechanismen von ihrer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung abzulenken versuchen, indem sie die Schuldfrage durch die Eigenverantwortung beantworten und sich als unbeteiligte Außenstehende reinwaschen wollen.
Peter A. Weber

