Chris Wolkers Buch "Urknall versus ens-These"
Bei diesem Essay handelt es sich eine Kommentierung zu Chris Wolkers 2012 veröffentlichtem Buch „Urknall versus ens-These; jetzt knallt nichts mehr“ mit dem Zusatztitel „Gott würfelt nicht, er spielt TA SAI – Glauben und Wissenschaft vereint!“. Um es gleich an den Anfang zu stellen, geht es in diesem Buch um Chris WolkersThese, daß ens (lat. Das Sein, Das Seiende, Das Ding) bzw. die ewige und schöpferische Unendlichkeit gleich sein soll mit Gott.
Darüber hinaus liefert mein heutiger Beitrag allerdings auch eigenständige Thesenführungen, die die ens-These ergänzen und sich mit ihr auf einer unterschiedlichen Sichtweise und einer davon abweichenden Ebene auseinander setzen, was mich dazu veranlaßt, diesen Essay als ein separates Thema zu veröffentlichen.
Ich befinde mich in meiner ureigenen sprachlichen und bewußten Vorstellungswelt und versuche von dort aus, die Begrifflichkeiten aus Chris Wolkers physikalischer Heimat zu verstehen und zu interpretieren. Dieser Versuch kann nur gelingen, wenn ich Gemeinsamkeiten aufspüre und Verbindungslinien ziehe. Gleich eine Warnung zu Beginn: Ich scheue wie Chris Wolker nicht vor Gedankengebilden zurück, in die sich andere vielleicht aufgrund ihrer „Programmierung“ nicht hinein versetzen können. Aber selbst die Vorstellung, der eine oder die andere könnte meinen, ich hätte zu viel Fantasy-Literatur gelesen und mich als Spinner oder verwirrten Fabulierer bezeichnen, schreckt mich nicht davon ab, meinen Ideen freien Lauf zu lassen. Zumindest darin bin ich mit Chris einer Meinung. Trotzdem bleiben meine Kommentare zur Thematik nur Randbemerkungen, denn das Sujet ist derart umfassend, komplex und von tieferer Bedeutung, daß sich daran bereits die genialsten Wissenschaftler und Philosophen der Welt die Zähne ausgebissen haben. Wenn ich das, was ich in meinen Zeilen anreiße, ausführlicher formulieren und definieren wollte, dann müßte ich ebenfalls ein komplettes Buch schreiben – aber dazu bin ich derzeit nicht aufgelegt.
Eine subjektive Betrachtungsweise aus meiner Weltsicht heraus ist dabei unvermeidlich, denn ich kann nicht anders. Ich denke, daß man einer Illusion unterliegt, wenn man glaubt, Phänomene und Prozesse aus einer neutralen und objektiven Warte heraus ergründen zu können, und der eigene Bewußtseins- und gefärbte Wahrnehmungsbereich spiele dabei keine oder nur eine untergeordnete Rolle.

© Klaus Stuttmann Karikaturen, Berlin - klick
â–º A. meine Methodik des Herangehens an das Verständnis Gottes sowie der Dinge
- Ich bin kein Mensch, der gut in physikalischen, mathematischen, astronomischen oder astrophysikalischen Dimensionen denken kann und besitze auch nicht das dazu nötige Wissen – dafür habe ich jedoch ein Gespür für Symbolik und Zusammenhänge.
- Meine Welt ist diejenige der Philosophie, Psychologie und der aus dem Glauben hervor gehenden Vernunft, die mir nach Prüfung der unterbewußten Vorgänge und meines Gewissens sowie nach Abwägung meiner Erfahrungen gestattet, Entscheidungen zu treffen und zu handeln. Ob diese letztlich „falsch“ oder „richtig“ waren, muß in einer nachträglichen Bewertung beurteilt werden – nach dem Motto: Fehler macht jeder und Erfahrung macht klug.
- Ich pflege denke stets einen Schritt weiter zu denken und dabei nicht nur der wissenschaftlichen Logik der Physik bzw. der aristotelischen Logik zu folgen. Für mich ist die paradoxe Logik, die ich auch die keltische nenne(Verweis auf meinen Essay „Keltisches Bewußtsein“ im Philosophie-Forum) – mit dem Schwerpunkt auf der Integration der Gegensätze - ebenso bedeutsam.
- Mein(e) Mentalität, Veranlagung, Empfinden, Polung, Charakter bewegen sich analog zu Chris Wolkers Denkweise sozusagen auf einem anderen Geschmacksniveau bei ähnlicher Struktur und Logik.
- Der Mensch als Maß aller Dinge im Sinne des AT als Ebenbild Gottes oder im Sinne von Erich Fromms Buch „Ihr werdet sein wie Gott“, entspricht auch meiner Sicht der Dinge. Dementsprechend wird dem Menschen als immanenter und inhärenter Bestandteil der Natur, des Kosmos, der Schöpfung und des Wesen Gottes ein zwangsläufiger Ewigkeitsfaktor zuerteilt.
- Der Sinn als Antriebselement für ewiges Leben, Werden und Evolution gehört ebenfalls zu meinen Lebensvorstellungen.
- Gott und die damit verbundene Idee vom ewigen Leben kann sowohl ein Symbol der Sinnhaftigkeit sein als auch eine „Ichkrücke“ für Menschen, die eine Projektion und Machtfigur als Orientierungsrahmen außerhalb von sich selbst benötigen, um sich im Irrgarten des Lebens zurecht zu finden. In diesem negativen Verständnis kann Gott als Machtfaktor betrachtet werden, der von Menschen als Manipulator mißbraucht wird, um sich persönliche Privilegien zu verschaffen.
- Gott ist nur ein Wort und eine Hilfskonstruktion stellvertretend für das, was sich der Mensch aufgrund seines begrenzten Horizonts nicht vorstellen kann sowie dafür, komplexe hintergründige und nicht verständliche Phänomene zu erklären. Diese Behauptung will ich nicht als Ausschließlichkeit aufstellen, sondern sie steht für die am häufigsten anzutreffende Konstellation.
- Die Bibel und die Mythologien anderer Kulturen sind ebenfalls in diesem Sinne zu begreifen und sollten m. E. lediglich in Symbolsprache gelesen werden. Das heißt auch wiederum nicht, daß es keine treffenden Textstellen gibt, die man ruhig wörtlich nehmen kann. Deshalb benutze ich selbst Bibelzitate nicht selten.
- Der Gottesglaube und das Gottesbild Fromms einschließend der mystisch-nicht streng theistischen Sichtweise (siehe Meister Eckart) entsprechen dabei meinem Selbstverständnis, weshalb es sinnvoll ist, wenn ich Erich Fromm zur Verdeutlichung in diesem Zusammenhang zitiere:
„Ich glaube, daß das Gottesbild ein historisch bedingter Ausdruck einer inneren Erfahrung war (und auch noch heute ist, Anm. d. Verf.) . Ich kann verstehen, was die Bibel oder echt religiöse Menschen meinen, wenn sie über Gott sprechen, doch teile ich ihre Begriffsvorstellung nicht. Ich glaube vielmehr, daß der Begriff „Gott“ durch die sozio-politische Struktur bedingt war, in der Stammeshäuptlinge oder Könige die höchste Macht innehatten. Der Begriff des höchsten Wertes wurde verstanden in Analogie zur höchsten Macht in der Gesellschaft.
„Gott“ ist eine der vielen poetischen Ausdrucksweisen für den höchsten Wert im Humanismus und keine Realität an sich. Es läßt sich jedoch nicht vermeiden, daß ich bei der Diskussion der Ideen eines monotheistischen Systems mich oft des Wortes „Gott“ bediene, und es wäre recht umständlich, wollte ich jedesmal meine eigene Wertung dieses Begriffes hinzufügen. Daher möchte ich meinen Standpunkt von vornherein klarstellen. Wenn ich meine Position annähernd definieren wollte, würde ich sie als nicht-theistische Mystik bezeichnen.“
Ihr werdet sein wie Gott, S. 19
â–º B. Dimensionen der Wahrnehmung und Imagination
- Die von Chris Wolker in naturwissenschaftlicher Sicht beschriebene Evolution des Kosmos benutze ich als Analogon – oder umgekehrt – zur Evolution des geistigen Menschen mit Bewußtsein und Seele.
- Ich möchte gerne in diesem Kontext auf Rupert Sheldrake hinweisen, der die Theorie des morphogenetischen Feldes entwickelt hat. Es handelt sich um eine Theorie, die er gemäß Aussage in seinen Büchern empirisch bewiesen hat. Es handelt sich dabei um eine immerwährende Kumulation von Erfahrungen, Wissen und Evolution, was bedeutet, daß alles, was jemals gedacht, getan oder sich entwickelt hat, unvergessen bleibt und sich in der Art eines morphogenetischen Feldes abspeichert. Dies kann sich auf das Verhalten von Tieren oder Menschen, das Wachstum von Organen oder gesellschaftliche Prozesse beziehen. Ich finde, daß dies eine faszinierende Theorie ist, die wunderbar in unseren Zusammenhang hinein paßt.
- Anfangs- und Endpunkte: Zeugung/Geburt / Tod der materiellen vergänglichen Hülle des Menschen. Wozu der ganze Aufwand? Das kann doch nicht alles gewesen sein! Dies in Schlagworten meine Gedankengänge zum Leitgedanken der Ewigkeit bezogen auf die menschliche Existenz als Gesamtwesen.
- Meine Methodik der Herangehensweise ist dementsprechend: Der Mensch als Geistwesen (ohne Anteile von Materie und Zeit) kann nicht aus dem Nichts entstehen und sich nicht im Nichts auflösen.
- Aus dem Nichts kann nicht Etwas werden – und das Etwas kann nicht im Nichts verschwinden. Das Nichts existiert nicht, außer in den Vorstellungen der Menschen, aber dann ist es ja doch wieder mit Etwas gefüllt, nämlich mit den Gedanken. Diese meine Ideen finden bei Chris Wolker ebenfalls eine Entsprechung.
- Das mit Geist gefüllte Nichts enthält zwar keine Materie, ist daher aber trotzdem kein Nichts, denn es ist kein absolut leeres Vakuum, sondern die Entsprechung zur Fülle im Sinne der negativen Theologie , die sich gegenseitig bedürfen.
- Das mit Sinn erfüllte Nichts kann auch als Antriebsfeder für das Tun des Menschen bezeichnet werden, weshalb es auch wieder wunderbar mit den Thesen des Autors vereinbar ist.
- Gott (oder die von mir gewählte Entsprechung) als Natur aller Dinge zu betrachten, ist schon lange meine Sichtweise. Ebenfalls ein Kriterium, das die ens-These bestätigt.
- Meine Logik baut auf der traditionellen Logik auf, d. h. auf Vernunft und Glaube – und beinhaltet trotzdem eine Anerkenntnis der paradoxen Logik (keltischen Logik), die die aristotelische Logik auf den Kopf stellt. Gegensätze sind das alltäglichste, das man vorfinden kann – darum kann die Lösung nicht darin bestehen, sie zu bekämpfen, sondern darin, sie zu verstehen und zu integrieren. Das Faszinierende daran ist für mich, daß ich mich als Bewußtseinskelte mit meinen Vorfahren identifiziere und somit mit meiner Denkweise in deren Tradition stehe.
- Ich phantasiere einmal und stelle mir die Ewigkeit/Unendlichkeit als gerade Linie aus der Unendlichkeit kommend und in die Ewigkeit fortlaufend vor – ohne Anfang und Ende. Das heißt, sozusagen aus dem Nebel der Unendlichkeit auftauchend und wieder in den Nebelschleiern von Raum/Vakuum ohne Zeitvorstellung verschwindend?
- Oder ich stelle mir sie als kreisförmiges/ellipsenförmiges Phänomen, das sich mehrdimensional und/oder in Parallelwelten/Universen mit Schaffung neuer Aspekte und Wirklichkeiten stets selbst neu erfindet? Oder erfahrungsgeläutert nach vollendetem Kreislauf wieder zum Ausgangpunkt, jedoch auf einer anderen Ebene, zurückkehrt, um von dort die Reise in neue Abenteuer zu starten?
- Realität/Fiktion/metaphysische Dimensionen – sind die Übergänge zwischen diesen Erscheinungsformen ohne klare Trennungslinien ausgebildet? Wo sind die Grenzen zwischen Traum und Realität und zwischen dem profanen, säkularen und den metaphysischen oder heiligen? Sind sie nicht tatsächlich schwimmend ausgelegt? Ist alles nur eine Frage der Vorstellungskraft, des Willens oder ganz und gar unmöglich?
- Trotz der vielen Fragezeichen, die ich zuvor gesetzt habe, wage ich es, den verwegenen Standpunkt einzunehmen, daß die Grenzenlosigkeit der Phänomene, des Bewußtseins und des Geistes zumindest für mich real sind.
- Meine Auffassung ist, daß die Einschätzung von Machbarkeit/Möglichkeit oder Unmöglichkeit nur eine Frage der angewandten Logik ist.
- Begrenzung muß man nach meiner Positionierung als eingeengte Sichtweise einschätzen. Die Möglichkeiten der Grenzüberschreitung über die sichtbaren Mauern meines Wohnzimmers bzw. meiner anerzogenen Strukturen hinaus - zumindest durch Einnahme eines „höheren“ Standpunktes führen zwangsläufig zu einer Erweiterung des Horizontes und Blick über den Tellerrand hinaus.
- Zufall, Notwendigkeit oder Planung (wobei ich auf das letztere tippe)? Gott als sich selbst regulierendes System mit Bewußtsein, der Kosmos als lebendes Wesen, ein lebendiger Geist des Universums, Gaia? Oder der Mensch als mit der Hybris der selbst verliehenen Allmacht, der glaubt, für sich selbst (ewiges) Leben und künstliche Intelligenz (er)schaffen zu können? Ich bitte Euch – was ist denn verrückter?
- Es bleiben mehr unbeantwortete Fragen – unbewiesene und nie zu beweisende Aussagen als Gewißheit. Die Rettung (zumindest für mich selbst) ist der Glaube an Potenziale bei mir selbst, bei anderen und das kreative Element in allen Dingen – ob ich sie nun zu ergründen vermag oder nicht.
- Die Beweisführung, ob Thesen der Realität entsprechen, ist sicherlich reizvoll aber oft vergeblich. Deshalb sollte man sich ab einem gewissen Punkt mit der Unmöglichkeit anfreunden, daß der Mensch letztlich nicht die allerletzten Dinge ergründen vermag.
â–º C. naturwissenschaftliche Dimensionen der Erkenntnis
Dieses sind die Dimensionen, von denen ich am wenigsten verstehe. Deswegen versuche ich das Essentielle aus Chris Wolkers Darlegungen zu rekapitulieren:
- Die der Urknall zugrunde liegende These der Raumexpansion wird von Chris Wolker in intelligenter und überzeugender Weise entkräftet durch die Interpretation von Rotverschiebung, Lichtermüdung, Verhalten der 1a Supernovae, Galaxien-Bewegungen, unterschiedliches Alter von Galaxien, Hintergrundstrahlung und Temperaturschwankungen etc.
- Einleuchtend ist für mich auch die Einsicht, daß der Hypothese vom Urknall eine Wahrnehmung von Gott (sofern man überhaupt an das Vorhandensein glaubt) zugrunde liegt, die ihn als Außenstehenden allen Geschehens verortet. Diese Weltsicht steht im völligen Gegensatz zu meinen persönlichen Auffassung.
- Das mystisch-humanistische Religionsverständnis beruhte schon immer auf der Vorstellung eines integrierten Gottes, der im Mittelpunkt von allem steht. Danach – und auch nach den Quellen des AT wird der Mensch als Ebenbild Gottes sozusagen geadelt. Nach dieser Perspektive besitzt Gott keinen festen Standort sondern befindet sich überall und ist demnach auch immanent im Menschen selbst.
- Das Vakuum wird als Voraussetzung und Impuls für die physische Welt angesehen. Daher ersetzt das Vakuum den Raumbegriff. Das Vakuum ist etwas Seiendes, das selbst keinen fiktiven Raum benötigt. Alles sind Erscheinungsformen des Vakuums, das Vakuum ist kreativ und wird in letzter Konsequenz sogar mit Gott gleichgesetzt.
- Die traditionelle These von der Existenz virtueller Teilchen, die Chris Wolker abstreitet und als kurzlebige mit Energie angefüllte physische Teilchen charakterisiert, möchte ich noch mit einem psychologischen Argument untermauern, denn meine Abschweifungen in die Geisteswissenschaften kann ich mir nicht verkneifen.
- Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß metaphysische immaterielle Phänomene wie Geist, Emotionen und Gefühle, Gedanken, Ideen, Angst etc. eine Kraft und Anstoßwirkung auf das menschliche Verhalten besitzen, die dasjenige des sinnlich wahrnehmbaren Bereiches bei weitem übersteigen. Dabei handelt es sich um nichts Anderes als virtuelle Begriffe. Wenn man z. b. die Angst betrachtet, die meistens sogar noch in den diversen Ausprägungen der Irrationalität vorkommt und die in dieser Version sogar zwanghaftes Verhalten hervorruft, dann kann niemand bestreiten, daß virtuelle Phänomene Realität bedeuten und als solche eine der wichtigsten Motivationsursachen darstellen.
- Der erste Hauptsatz der Thermodynamik besagt als eines der bisher nicht widerlegten Naturgesetze, daß die in einem geschlossenen System enthaltene Energie unter allen Umständen erhalten bleibt und weder abfließen noch vergrößert werden kann. Da der Raum, der in der Urknall-These als begrenztes System dargestellt wird, lt. Chris Wolker nicht vorhanden ist und durch das Vakuum, das wiederum kein geschlossenes System ist, ersetzt werden muß, entfällt auch das Argument der Energiebegrenzung. Für die interstellaren Bewegungen und Aktivitäten steht daher unbegrenzte Energie zur Verfügung.
- Die Thesen vom Wesen der Zeit haben ebenfalls meine höchste Aufmerksamkeit erregt. Die Grundaussage ist dabei, daß Veränderung die Ursache von Zeit ist und Veränderung das Vorhandensein von Energie voraussetzt.
- An dieser Stelle ist es nun wieder „Zeit“, die philosophisch-psychologische Ebene zu betreten. Die dort angesiedelte Denkweise sagt aus, daß ohne Veränderung keine Sinnerfüllung des (menschlichen) Lebens eintritt. Routine und eingeschliffene Gewohnheiten hemmen den kreativen Lebensfluß. Auch auf diesem Level ist Energie für die Umsetzung der Motivation ins Tun, das gleichgesetzt werden kann mit Veränderung, erforderlich.
- Ein anderer interessanter Aspekt, den Chris Wolker aufgreift, ist der der Zeitreisen. Wer hätte nicht schon Fantasy gelesen oder sie als Film erlebt und sich dabei gewünscht, selbst einmal auf die Reise zu gehen? Ich jedenfalls ertappe mich sehr oft bei diesem Gedanken. Insofern bedauere ich natürlich die Einsicht des Autors, daß Zeitreisen einfach aus logischen Gründen, die er fundiert belegt, unmöglich sind.
- Aber einen Trost für alle Anhänger von Zeitreisen habe ich trotzdem parat: Wie wäre es einmal damit, eine dem Menschen verliehene Gabe zu benutzen, nämlich die der Imaginationsfähigkeit und der Phantasie! Damit sind die phantastischsten Zeitreisen zu bewerkstelligen, die jeden Roman oder einen Film übertreffen.
- Nachdem schon Aristoteles die Frage nach dem „unbewegten Erstbeweger“ und damit nach dem Anfang und Ende gestellt hat, der die Problematik der Kausalität bzw. des Ursache-Wirkungs-Prinzips beschreibt, glaubt Chris Wolker, daß Aristoteles die falsche Frage gestellt hat und liefert selbst darauf die entscheidende Antwort:: Es gibt überhaupt kein Kausalprinzip in diesem Kontext, denn es existiert lediglich das ewige und unendliche Sein, das im Symbol des Kreislaufs gleichzeitig Ursache und Wirkung bildet.
- Er benennt den „Urboboros“ als Symbol für die Grenzenlosigkeit des ewigen Kreislaufs – sozusagen als das Perpetuum Mobile. Den einzigen Widerspruch darin finde ich in der Begründung dieser Erscheinung, sie sei logisch. Eine Logik ergibt sich jedoch nicht mit der aristotelischen sondern nur mit der paradoxen Version.
- Chris Wolker liegt m. E. trotz meine eingeschränkten naturwissenschaftlichen Wissens und Vorstellungsvermögen daher mit der Widerlegung des Urknalls richtig. Die Urknall-These ist einfach unlogisch und nicht haltbar. Und falls der Urknall der Realität entspräche, dann wäre er ein Zufallsprinzip, mit dem man zumindest nach meiner Logik und meinem Glauben das Wunder der Evolution nicht annäherungsweise beweisen kann.
- Auch wird in diesem Buch nicht nur die These vertreten, daß die Existenz von außerirdischen Leben und sogar intelligentem Leben im All äußerst wahrscheinlich sei, sondern es wird auch versucht zu belegen, daß außerirdische Kulturen die Erde besucht und Einflüsse (sogar genetischer Art) hinterlassen haben. Bereits in den 60er/70er Jahren habe ich Erich von Dänikens Bücher gelesen, wobei das vielbeachtete Erstwerk „Erinnerungen an die Zukunft“ schon 1968 entstand. Die Bücher von von Däniken wurden zwar auf dem Buchmarkt zum Bestseller, von der sog. Fachwelt ist er jedoch verlacht worden. Trotzdem habe ich seit diesen Zeiten einen Zugang zu den Thesen und – ich muß zugeben – ganz verworfen habe ich sie niemals.
- ens = immerwährende pulsierende Schöpfung und Evolution = Gott. Nichts ist Etwas und Alles ist Gott. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Gott = ewige und schöpferische Unendlichkeit.
Das sind die Kernaussagen aus Chris Wolkers Buch, die ich derart auf einen Nenner bringe und in meinem Essay an anderen Stellen kommentiere.
â–º D. persönliche Präferenzen und Folgerungen
- Ich habe es mir zur Regel gemacht, existenzielle Thematiken philosophisch zu erfassen und verstehen zu suchen, wobei ich mir bekannte naturwissenschaftliche Informationen dabei berücksichtige. Das ist genau das, was ich mit diesem Beitrag umzusetzen versuche.
- Das gesamte theoretische Wissen bringt jedoch keinen Nutzen, wenn sich das angeeignete Wissen danach nicht im praktischen Leben beweisen kann und somit in eine fruchtbaren Erfahrung umgewandelt werden kann.
- Speziell Erich Fromm hat mich gelehrt, daß naturwissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse nur dann einen nützlichen und praktischen Effekt besitzen, wenn man die menschlich-individuellen, gesellschaftlichen sowie die wissenschaftlich-technologischen Abläufe unter sozio-psychologischen Aspekten angeht mit dem Ziel, sie im Dienste des Menschen zu harmonisieren.
- Wer sich nicht bewußt macht, daß die Struktur der jeweiligen Gesellschaft auf den einzelnen sowie die Art und Weise der Wissenschaftsausübung incl. deren Denkrichtungen einen ungeheuren Zwang und Einfluß ausübt, der hat nichts verstanden. Die Gefahr der ideologischen Einfärbung, die sich unter dem Deckmantel der Lehrmeinung verbirgt, ist immens.
- Insofern besteht auch ein ernst zu nehmendes Risiko, daß natur-, geisteswissenschaftliche, philosophische und/oder religiöse Lehr- oder Irrmeinungen und Erscheinungen von der herrschenden Klasse in angebliche göttliche Gebote verwandelt werden. Dabei hat man jedoch in der Regel nicht das Wohl des Volkes im Auge, sondern die Herrschenden versuchen, durch Installation eines faßbaren, gegenständlichen Gottes, dessen Wort man vorgibt, im Munde zu führen, ihre Machtgier sowie ihre feudalen und wirtschaftlichen Interessen zu fundamentieren. Gott wird und wurde stets gegen das Wohl der Völker instrumentalisiert, was sich besonders eklatant in monotheistischen Religionen und davon geprägten Kulturen aufzeigt.
â–º E. Die Frage aller Fragen
Nachdem Chris Wolker nun – auf naturwissenschaftlicher Basis – offensichtlich die Frage des Entstehens, Werdens und Seiens von allem geklärt hat, hege ich große Zweifel, ob außer einer Minderheit – selbst bei den Usern des KN – dafür ein Verständnis zu erwarten ist. Das soll jetzt keine Kritik an den Thesen und Behauptungen des Buches beinhalten, denn auch ich bin der Ansicht, daß „Wahrheiten“ es verdienen, ausgesprochen zu werden, selbst wenn sie auf Ablehnung und Unverständnis stoßen. In diesem Zusammenhang reizt es mich doch, einen meiner Lieblingssprüche loszuwerden: „Milliarden Fliegen fressen Sch …, weshalb sollten Milliarden Fliegen irren?“ Zugegeben, der Spruch ist etwas derb, aber er trifft den Nagel auf den Kopf.
Aber nun zu dem zurück, was ich damit ausdrücken wollte: Der „normale“ Mensch steht nicht so sehr auf kalten, sachlichen, technokratischen, gefühllosen oder abstrakten Definitionen und Beweisführungen. Damit kann er nicht viel anfangen, denn er liebt die einfachen Lösungen, Geschichten und Märchen, die ihm von außerhalb vorgegeben werden und die seinem Leben ein Sinn verleihen, ohne daß er viel darüber nachgrübeln muß. Deshalb ist Mythos und Religion derartig erfolgreich – die meisten Menschen haben ihre Ansprüche leider sehr niedrig angesetzt, sehnen sich offenbar nach Autoritäten und neigen zur Projektion. Das ideale Projektionsobjekt ist daher nach wie vor – und zunehmend, wenn man sich die Progression des religiösen Fundamentalismus heutzutage ansieht – ein außerhalb des Menschen thronender mächtiger personifizierter Gott, von dem man sich abhängig macht und an den man seine Verantwortung abgibt. An dessen Stelle kann aber auch jede andere Art Autorität oder autoritärem System treten.
Und nun komme ich zu dem für mich wichtigsten Teil der Aufgabenstellung und des Gegenstands der Erörterung:
Der Erklärung der Entstehung von Leben – von den einfachsten Formen bis hin zu intelligenten Wesen.
Das größte Manko, das ich in Chris Wolkers Buch feststellen muß, ist das Fehlen einer plausiblen Erklärung der Entstehung und der Evolution des Lebens vom Einzeller bis zur „Krone der Schöpfung“, dem Menschen! Der Weg der Schöpfung – und wenn ich diesen Begriff benutze, dann unterstelle ich schon einen planvollen Prozeß – von
- niederen Lebensformen zu
- hochkomplexen Lebewesen wie Pflanzen
- hin zu Tieren mit Gehirn, Instinkt - möglicherweise bereits mit Bewußtsein
- zum Menschen, der mit Geist, Bewußtsein, Verstand, Intelligenz, freiem Willen und Seele (was manche allerdings bestreiten) ausgestattet ist
kann nur „erklärt“ werden mit Glauben an ein mit Geist und Plan ausgerüstetes Schöpfungsphänomen. Wenn ich das Wunder der Schöpfung mit all seiner Vielfalt und Interpendenz betrachte, beginnend mit der Materie und weiter einfließend in die lebendige Welt, meine ich, daß nur ein totaler Ignorant behaupten kann, daß dies alles ungeplant und zufällig entstanden sei. Dabei ist zu berücksichtigen, daß das gesamte Seiende ein funktionierendes System darstellt, das sich aus sich selbst erneuert und reguliert. Hat mal jemand einen Staat oder ein Großunternehmen gesichtet, das sich ohne einen Organisator selbst führt und dabei auch noch funktioniert?
Auch irren die Verfechter der (neo-) darwinistischen These, die davon ausgeht, daß das gesamte Leben von Natur aus ein Kampf sei, bei dem schließlich der Stärkere siegt und die dieses Prinzip dann auch noch unverschämterweise auf das menschliche Dasein übertragen. Das Evolutionsprinzip ist nicht auf Ausrottung und Kampf jeder gegen jeden ausgerichtet sondern auf Erhaltung und Weiterentwicklung entweder an veränderte Lebensbedingungen oder hin zu höheren Daseinsformen. Sogar Ästhetik hat in der Natur ihren Platz. Wenn die Erhaltung und die Vervollkommnung der Schönheit Teil des evolutionären Planes ist, dann wird der Neodarwinismus, der ja auch u. a. die Grundlage für den Neoliberalismus und Kaptitalismus bildet, ad absurdum geführt.
Die von Chris Wolker postulierte Gleichsetzung des Vakuums mit Gott beantwortet die Frage aller Fragen leider nicht:
Woher kommt das Leben und der Mensch als Geist-Seele-Wesen (und damit auch das übrige anzunehmende intelligente Leben im All) – und wohin geht er nach seinem Tode?
Wenn selbst das Vakuum und die Materie etwas Ewiges und Unendliches impliziert, dann ist der Geist oder die Seele erst recht dem Ewigen Leben verpflichtet. In welcher Form, Gestalt oder Erscheinung dieses Ewige Sein als individuelle Seele fortbesteht, das bleibt wohl für immer ein Mysterium. Eine Antwort darauf habe ich von Chris Wolker gar nicht erwartet – auch ich stehe dem etwas ratlos gegenüber.
â–º E. Epilog
Vor der kompletten Lektüre von Chris Wolkers Buch hatte ich mir bereits Stichpunkte (Punkte A und B) gemacht und meine persönlichen Thesen bereit gelegt. Es hat sich dann heraus gestellt, daß sie – zwar auf einer differenten Ebene – denjenigen von Chris weitgehend entsprechen. Chris Wolkers Aussagen, daß eine These noch nicht einmal eine Theorie darstellt – von einer absoluten Wahrheit schon gar nicht zu sprechen – kann ich nur unterstreichen. Sinnentsprechend ist daher eine These nichts anderes als ein Glaube, ohne den der Mensch kein zufriedenes Leben führen kann und ohne den die menschliche Evolution in den Anfängen stecken geblieben wäre. Wie es schon im Hohelied der Liebe in Korinter Kap. 1 heißt: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“, ist auf den Dreiklang von Glaube, Hoffnung und Liebe nicht zu verzichten.
Wer das Buch von Chris gelesen hat und meine heutigen Ausführungen, Gedankenverirrungen und Interpretationsversuche damit vergleicht, könnte evtl. der Ansicht sein, daß ich das Thema verfehlt habe, ein anderes Buch gelesen oder unter autistischen Symptomen leide. Vielleicht überfordere ich auch den Leser mit meinen Assoziationen und der Verschiedenartigkeit der Verknüpfungen. Wer erwartet hat, daß ich eine ausführliche Kritik- und Übereinstimmungsliste liefere, insbesondere in naturwissenschaftlicher Hinsicht, den muß ich leider enttäuschen. Ich fordere den Leser auf, die Fäden selbst weiter zu spinnen und meine größte Freude wäre es, wenn Chris WolkersThesen und meine bescheidenen unausgegorenen Gedankengänge eine Steilvorlage und Anregung zu weiteren Thesenbildungen und ausgiebigem Philosophieren liefern würden. Ende des Projektes völlig offen ….
Schlußfrage: Ist die eigene Sicht die einzig existierende Realität und als Paralleluniversum zu Millionen anderer zu betrachten? Das sollte nicht als Aufforderung zu Egozentrik, Selbstvergötterung oder Narzißmus verstanden werden sondern nur zur Erkenntnis! Die Frage kann ich eigentlich nur in paradoxer Weise mit ja und nein beantworten. Die eigene Sichtweise ist natürlich nur für den befangenen Beobachter die einzig reale und richtige – für den über den Tellerrand hinaus gewachsenen und über den Geschehnissen schwebenden Zeugen zeigt sich die Situation vielseitig, facettenreich und universell. Ergo erheben wir uns alle ein wenig.
Im allerletzten Satz dieser Betrachtung erlaube ich mir doch noch eine allerletzte Frage, die ich aus meiner besserwisserischen oder weisen (?) Warte auch gleich selbst beantworte: Ist der Mensch überhaupt zu Objektivität in der Lage? Ich glaube nicht! Der Grund dieser Äußerung liegt in meiner Erfahrung begründet, daß ich oft (besonders von Frauen) nach einer Stellungnahme mit der Bemerkung vorwurfsvoll angesprochen werde: „Das sagst Du doch nur aus Deiner Sicht – Du Egoist!“
Peter A. Weber
