Das 1. und 2. Gebot des AT als Aufforderung zum gesellschaftspolitischen Handeln
eine etwas andere Interpretation des Götzendienstes
Die Einführung bei Wikipedia auf die Begriffserklärung 10 Gebote beginnt wie folgt: „Die Zehn Gebote, auch Zehn Worte (hebr. aseret ha-dibberot) oder Dekalog (altgr. deka-logos) genannt, sind eine Reihe von Geboten und Verboten des Gottes Israels, JHWH, im Tanach, der Hebräischen Bibel. Die zwei etwas verschiedenen Fassungen sind als direkte Rede dieses Gottes an sein Volk, die Israeliten, formuliert, und fassen seinen Willen für das Verhalten ihm und den Mitmenschen gegenüber zusammen.“
Leute wie ich, die im traditionellen christlich-katholischen Umfeld erzogen und geprägt wurden, haben die ersten beiden Gebote praktisch nicht registriert, weil wir eh den Glauben an den einen Gott vermittelt bekamen und diesen nicht in Zweifel gezogen haben. Wir waren der Ansicht, daß die Adressaten dieser Botschaft ohnehin nur die armen Heiden sein könnten. Menschen dieses Schlages und Selbstverständnisses kämen nicht im Traum auf die Idee, daß die biblische Mission jeden von uns hinsichtlich unseres Lebenswandels im Visier hat – ganz gleich welcher Glaubensrichtung.
„Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ So lautet die Essenz der beiden ersten Gebote aus der Sammlung der 10 Gebote im AT (2. Mose 20), der hebräischen Bibel. Es ist eine Forderung Gottes und Mahnung der Propheten, die sich durch das gesamte Alte Testament hindurch zieht und deshalb dort eine herausragende Stellung einnimmt, weil sich das Volk Israels nicht an diese Gebote hält und immer wieder regrediert. Man kann diese Rückentwicklung auch Abkommen vom rechten Weg nennen. In der ursprünglichen Version des AT ist in diesem Zusammenhang nicht nur das Volk Israel angeklagt worden sondern auch andere angrenzende Völker und Kulturen. Aus heutiger Sicht betrachtet müßte man realistischerweise wiederum den Staat Israel aufführen, der weder aus der Geschichte noch aus der Bibel gelernt hat und selbstverständlich auch Deutschland und praktisch sämtliche auf der Weltkarte verzeichneten Länder. Nicht umsonst ist der Inhalt dieses Götzenverbots auch in die erste Reihe der 10 Gebote gestellt worden. Um diese überragende Bedeutung verstehen zu können, darf man allerdings nicht bei einer wörtlichen und engen Interpretation dieser Stelle verharren, wie es in der Regel von den meisten Lesern und Auslegern praktiziert wurde und wird.
Das Verbot des Götzendienstes nimmt erst dann seine beabsichtigte Bedeutung und Wirkung ein, wenn man es in einem umfassenden, symbolhaften und übertragenen Sinne betrachtet. Dann nämlich kommt dem ersten und zweiten Gebot eine brisante gesellschaftspolitische Botschaft und Aufgabe an die gesamte Menschheit zu. Ich will nicht verschweigen, daß mich Erich Fromm zu dieser zwingenden Deutung inspiriert hat. Das Gebot, keinen anderen Gott neben sich zu dulden, heißt in einer erweiterten Sichtweise auch, daß Götzendienst
- nicht unbedingt als ein Argument gegen den Polytheismus zu sehen ist und eine andere Vorstellung von Gott nicht zu dulden ist.
- gleichbedeutend ist mit der Führung eines Lebens, das sich an den eigenen Potenzialen und der Natur versündigt.
- ein nicht selbstbestimmtes und in Abhängigkeit geführtes Leben bedeutet, das sich nicht auf die den eigentlichen Sinn des Lebens konzentriert. Der Sinn des Lebens besteht darin, den menschlichen Zwiespalt zu transzendieren und uns derart weiter zu entwickeln, daß wir eine (Wieder-) Vereinigung mit der Natur und dem Menschlichen in uns bewirken.
- die Verfolgung von toten und destruktiven Lebensinhalten einschließt. Erich Fromm sagt dazu: „Zerstörungsdrang ist die Folge eines ungelebten Lebens“. In diesen Kontext paßt ganz hervorragend sein Appell aus dem Jahre 1975:
Aufruf zum gemeinsamen Kampf gegen den Götzendienst
„Wir sind heute Zeugen eines historischen Phänomens von großer Tragweite: Die Industriegesellschaft erliegt nahezu völlig einem neuen Heidentum. Seit den Anfängen des jüdisch-christlichen und des griechischen Denkens und der Pflege seiner Werte bis um Beginn des 20. Jahrhunderts ließ sich die Entstehung und das Zur-Blüte-Kommen eines Humanismus beobachten, dem es vor allem um die Entfaltung jener Tugendeigenschaften geht, die den Menschen zum Menschen werden lassen. Diese Entwicklung ging nicht gradlinig vor sich, stellt aber doch eine nie unterbrochene lebendige Tradition dar.
Heute sind wir Zeuge einer neuen Art von Anti-Humanismus, eines (häufig sehr abstrakten und verkopften) Götzendienstes. Dieser neue Götzendienst präsentiert sich nicht mehr im Gewand der alten heidnischen Religionen. Vielmehr versteckt sich das neue Heidentum nur allzu gern unter dem Schutzmantel der großen Kirchen und vertritt im Kern eine antichristliche, antijüdische, antimuslimische, antibuddhistische Religiosität.
Beim Götzendienst geht es nicht um die Verehrung bestimmter Götter anstelle von anderen oder um die Verehrung des einen Gottes anstelle von vielen Göttern. Götzendienst ist eine menschliche Haltung, bei der alles Lebendige verdinglicht, zur Sache gemacht wird. Götzendienst bedeutet, daß der Mensch sich den Dingen unterwirft und sich selbst als lebendiges, offenes, sein Ich transzendierendes Wesen negiert. Götzen sind Götter, die nicht befreien. Wenn der Mensch Idole verehrt, macht er sich selbst zu einem Gefangenen und verzichtet auf seine Befreiung. Idole sind Götter, die nicht lebendig sind; mit ihrer Verehrung wird der Mensch selbst zu einem toten Ding.
Das moderne Verständnis von Entfremdung drückt die gleiche Vorstellung aus wie der überbrachte Begriff der Idolatrie, des Götzendienstes. Der entfremdete Mensch verneigt sich vor dem Werk seiner eigenen Hände und vor den Umständen, die er selbst geschaffen hat. Die Dinge und die Umstände werden zu seinen Lehrmeistern. Sie stehen über ihm und ihm gegenüber, und gleichzeitig erfährt sich der Mensch nicht mehr selbst als kreativer Träger von Leben. Er entfremdet sich von sich selbst, von seiner Arbeit und von seinem Nächsten.
Der Mensch von heute glaubt, daß die dem Moloch dargebrachten Kindsopfer eine widerwärtige Manifestation des Götzendienstes in der Vergangenheit waren. Er würde sich weigern, Moloch oder Mars oder Venus zu verehren. Und er merkt nicht, daß er die gleichen Idole anbetet, wann auch unter anderem Namen. Die Götzen der Gegenwart sind die Objekte einer systematisch gezüchteten Gier – der Gier nach Geld, Macht, Lust, Ehre, Essen und Trinken. Der Mensch betet die Mittel und Zwecke dieser Gier an: die Produktion, den Konsum, die militärische Macht, das Geschäft, den Staat. Je stärker er die Götzen macht, desto armseliger wird der Mensch und desto leerer fühlt er sich. Statt sich zu freuen, sucht er den Kitzel; statt das Leben zu lieben, ist er in die technische Welt der Apparate vernarrt; statt Wachstum sucht er Reichtum; statt zu sein, interessiert ihn das Haben und Benutzen.
All das führt dazu, daß der moderne Mensch – abgesehen von den götzendienerischen Werten – keinerlei zusammenhängendes Wertesystem mehr hat. Er ängstigt sich, ist depressiv, hoffungslos und bereit, das Risiko einer atomaren Selbstzerstörung (1) einzugehen, weil das Leben keinen Sinn mehr hat, uninteressant ist und aufgehört hat, Freude zu machen. Kann diese Entwicklung nicht gestoppt werden, gibt es nichts mehr, was eine atomare Katastrophe (1) verhindern könnte. Bleibt noch Zeit für eine Änderung? Wer fühlt sich verantwortlich, auf eine solche Veränderung hinzuarbeiten?
Niemand weiß, ob für eine Veränderung noch genügend Zeit bleibt. Aber können wir die Hoffnung aufgeben, solange es noch Leben gibt?
In die Verantwortung gerufen sind alle, die durch ihre gemeinsame Ablehnung des Götzendienstes vereint sind. Dies gilt insbesondere für alle Humanisten innerhalb der (christlichen) Kirchen, die die älteste humanistische Tradition repräsentiert. Die Kirche vermag mit einer Autorität zu sprechen und kann vielleicht jene erreichen, die sich noch eine gewisse Wahrnehmungsfähigkeit für den Ruf der Propheten und des Evangeliums erhalten haben, obwohl sie zu Götzenanbetern geworden sind. Es geht heute nicht darum, die Heiden zum Christentum zu bekehren. Es gilt vielmehr, Christen wie Nichtchristen vom Götzendienst wegzubringen.
Humanistische Christen müssen in der ihnen eigenen Sprache das zu Ausdruck bringen, wonach die Menschen dürsten: Sie müssen vom Widerspruch zwischen Leben und Dinghaftem, zwischen Ideen und Ideologien und zwischen der Freude am Leben und dem Kitzel des Konsums sprechen. Sie müssen deutlich machen, daß ihrer echten religiösen Überlieferung gemäß das Verbot des Götzendienstes die Grundlage aller anderen Gebote und Vorstellungen ist. Würde es gelingen, wenigstens zehn Prozent der Bevölkerung der westlichen Welt aufzuwecken und dazu zu bringen, daß sie sich der entscheidenden Wahl bewußt werden, könnte dies bereits über Katastrophe oder Leben entscheiden.
Wie dies im einzelnen erreicht werden könnte, muß von denen gut überlegt werden, die davon betroffen sind. Ein eigens dafür gebildetes Komitee, das sich aus Mitgliedern der verschiedenen Religionen und Länder zusammensetzt, könnte diese neue Art missionarischer Arbeit organisieren. Auch könnte über die Einführung eines neuen „Rituals“ nachgedacht werden – zu Beispiel 15 Minuten stiller Meditation, die bei sämtlichen Treffen praktiziert werden könnte. Allerdings dürfte es in einer Hinsicht keine Kompromisse geben: Wer an einem solchen Treffen teilnimmt, muß fähig sein, jede Art von Ideologie zu vermeiden und von Herz zu Herz sprechen können. Niemand darf Angst haben, jemanden zu verletzten. Und immer sollten sie sich bewußt sein, daß die Verminderung von Haß und Überheblichkeit in einem selbst ein tägliches Bemühen sein muß.“ (2)
(1) Die Betonung der atomaren Bedrohung ist aus dem Kontext der damaligen Zeit zu verstehen. Heute haben wir diese Bedrohung weitgehend verdrängt, obwohl sie nach wie vor besteht. Dafür sind uns jedoch heutzutage aufgrund des menschlichen Fehlverhaltens noch andere lebens- und existenzbedrohliche Gefahren erwachsen, die Erich Fromm noch nicht oder nicht in diesem Ausmaß erkennen konnte. Deshalb sollten wir an diesen Stellen im Geiste die aktuellen Gefahrenpotenziale einsetzen – dann ergibt sich noch mehr Sinn und Motivation zum Handeln.
(2) Diese angedachten Lösungsvorschläge Fromms mögen wohl dem einen oder anderen als naiv erscheinen. Vielleicht sollten wir die Eigenschaft „naiv“ mehr als „nativ“ verstehen, woher der Begriff auch stammt. Oder wir schließen uns gleich Kants Definitionen an, Naivität zu sehen als „eine edle oder schöne Einfalt, welche das Siegel der Natur auf sich trägt“ oder auch als „Ausbruch der der Menschheit ursprünglichen Aufrichtigkeit wider die zur anderen Natur gewordenen Verstellungskunst“.
Anm.: Den obigen Text des Aufrufs habe ich dem Buch „Humanismus als reale Utopie – Der Glaube an den Menschen“ (Herausgeber: Dr. Rainer Funk) entnommen.
In diesem Sinne Fromms bringe ich es mit meinen Worten auf den Punkt: Götzendienst kann man also oder muß man ebenfalls verstehen
als eine Kampfansage an den Kapitalismus, Konsumismus und die Technologiegläubigkeit sowie an jedwede Ideologie betrachten,
die die eigentlichen Götzenbilder der heutigen Zeit darstellen. Gleichzeitig beinhaltet die Absage an den Götzendienst in diesem Kontext auch die Aufforderung zur Einrichtung einer solidarischen und gerechten Gesellschaftsordnung – also einer Form des Sozialismus, wie sie sich Marx vorgestellt hat. Dies hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Praktiken der sog. sozialistischen Staaten des kommunistischen Lagers vergangener Zeiten aufzuweisen, es handelt sich vielmehr um einen utopischen Sozialismus, wie er bis heute (zumindest in einem größeren nationalen Rahmen) noch nirgendwo tatsächlich ausgelebt wurde.
Auch jede Form von Übertragung des eigenen "Ichs" oder "Selbst" an andere Autoritäten, Idole oder autoritäre bzw. fundamentalistische Institutionen wie Führer, Staat/Nation und Religion (insbesondere in Verbindung mit einer autoritären Gottesvorstellung) stellt nichts anderes als Götzendienst dar. Fromm hat sich in seinem Werk „Der moderne Mensch und seine Zukunft“ (1955, S. 55) - seit 1980 bekannt und im Handel unter dem Titel "Wege aus einer kranken Gesellschaft" - dazu folgendermaßen geäußert:
„Nationalismus ist unsre Form des seelischen Inzests, ist unser Götzendienst, unser Irrtum, unser Irrsinn. «Patriotismus» ist sein Kult. Es dürfte kaum nötig sein zu sagen, daß ich unter «Patriotismus» die Haltung verstehe, welche die Nation über die Menschheit stellt, ja über die Grundsätze der Wahrheit und der Gerechtigkeit; und nicht das liebevolle Interesse an der eigenen Nation, das ihrem geistigen Wohl ebenso sehr gilt wie ihrer materiellen Wohlfahrt, aber niemals ihrer Macht über andre Nationen. Genau wie die Liebe zu einem Menschen, wenn sie die Liebe zu andern ausschließt, nicht echte Liebe ist, so ist Liebe zum eigenen Lande, die nicht ein Teil der Liebe zur Menschheit ist, Götzendienst.“
Treffender kann man es nicht ausdrücken! Man muß in diesem Kontext beachten, daß Erich Fromm vom Miterleben der beiden Weltkriege, deren Auslöser im Nationalismus zu suchen sind, zutiefst betroffen war. Im Jahre 1953, als er dieses Buch schrieb, waren ihm die verheerenden Auswirkungen des Nationalsozialismus noch äußerst präsent. Aus meiner Erfahrung als ein Mensch, der im Entstehungsjahr der Bundesrepublik Deutschland geboren wurde und das Heranwachsen der neuen Demokratie zeitgleich begleitet hat, muß ich leider die Feststellung treffen, daß Patriotismus und Nationalismus sich wieder im Aufwind befinden. Hiermit ist nicht nur die Zunahme von rechtradikalen Tendenzen gemeint sondern auch der ausufernde Wirtschaftsnationalismus (Standortpolitik, Verdrängungswettbewerb), dem speziell die Bundesrepublik auf Kosten anderer Länder sowie der eigenen Bevölkerung frönt. Insofern ist die Warnung vor Götzendienst in Gestalt von nationalistischen Bewegungen und engstirnigen Ideologien nur allzu aktuell und angebracht.
Der Glaube an einen Gott (Monotheismus), mehrere Götter (Polytheismus), keinen Gott bzw. Zweifel daran (Nichttheismus) oder die Ablehnung eines Glaubens an Gott (Atheismus) spielt daher m. E. in den ersten beiden Geboten des AT nicht die zentrale Rolle. Ein Christ oder Muslim, der an den einen Gott glaubt und sich trotzdem analog des obigen Verständnisses gegen das Leben wendet – und diese Exemplare sind nicht gerade selten anzutreffen - der ist als lupenreiner Götzendiener anzuprangern. Dagegen wäre ein Anhänger eines polytheistischen Systems, der die Regeln des Menschseins beherzigt, ein vorbildlicher und wahrer Befolger der 10 Gebote. Im traditionellen Sinne wäre es ja geradezu unlogisch, einen Atheisten wegen Götzendienst anzuklagen, denn wer an keinen Gott glaubt, der kann sich auch nicht gegen ihn versündigen, indem er andere Götter anbetet. Insofern wäre auch ein Atheist oder Nichttheist, der die weiter gefaßte inhaltliche Botschaft wider den Götzendienst ernst nimmt, ein wirkliches religiöses Vorbild.
Interessant ist auch, daß es Texte in AT gibt, die zum politischen Engagement aufrufen. Wenn man diesen Gedanken von Erich Fromm aufnimmt, kann vielleicht der eine oder andere, der die Bibel nicht so sehr schätzt oder sie bisher anders wahrgenommen hat, ihr eine aktuelle Attraktivität abgewinnen:
„Wir sahen, daß in der jüdischen Überlieferung die Nachahmung der Handlungsweise Gottes an die Stelle der Kenntnis von Gottes Wesen getreten ist. Es ist noch hinzuzufügen, daß Gott in der Geschichte wirkt und sich in der Geschichte offenbart. Dieser Gedanke hat zwei Konsequenzen: die eine besteht darin, daß der Glaube an Gott ein Interesse an der Geschichte und – im weitesten Sinne des Wortes – ein politisches Interesse impliziert. Wir erkennen dieses politische Interesse am deutlichsten bei den Propheten. In völligem Gegensatz zu den Meistern des Fernen Ostens denken die Propheten in historischen und politischen Begriffen. »Politisch bedeutet hier, daß ihnen historische Ereignisse am Herzen liegen, die nicht nur Israel, sondern alle Völker der Welt betreffen. Es bedeutet ferner, daß die Kriterien, nach denen sie die historischen Ereignisse beurteilen, geistig-religiöser Art sind: Gerechtigkeit und Liebe. Entsprechend diesen Kriterien beurteilen sie die Völker, genau wie sie den einzelnen an seinen Taten messen.“
(Quelle: Erich Fromm – Ihr werdet sein wie Gott, S. 48/49)
Fazit:
Ich habe die Bibel – speziell das Alte Testament – in den letzten Jahren immer vornehmlich als einen meist falsch interpretierten oder übersetzen Mythos angesehen, der von Fundamentalisten zu ideologischen Zwecken mißbraucht wird und dem man vielleicht die eine oder andere brauchbare symbolhafte Aussage entnehmen kann. Unter den in diesem Essay geschilderten Gesichtspunkten ist die Bibel auch in der Lage, Richtlinien für das Leben in der Jetztzeit aufzuzeigen, vorausgesetzt man hängt sich nicht an wörtlicher Auslegung auf, versteht die originale Ausdrucksform als Anpassung an die damaligen sozio-kulturellen Bedingungen und ist geistig in der Lage, die universale und zeitlose Aussagekraft zu erkennen. Dazu ist es auch entgegen mancher Meinungen total unerheblich, ob man überzeugter Jude oder Christ ist oder man sich mit der Existenz Gottes – zumindest nicht in einer antropomorphen Form – anfreunden kann. Wichtig ist lediglich, daß man ethisch–humanistische Prinzipien anerkennt und sich von ihnen leiten läßt.
In diesem Falle gehört man ebenfalls der Gemeinschaft einer „Religion“ an, die dem Menschen und der Natur zu Diensten ist. Unter diesem Gesichtspunkt könnte die Bibel gemeinsam mit anderen menschenverbindenden Philosophien und Denkrichtungen wie der „conditio humana“, der „philosophia perennis“ oder der „Avesta“ (altiranisches heiliges Buch mit humanistischer Message – quasi Vorläufer der Bibel) zu einem Konsens unter allen gutwilligen Menschen beitragen, nicht die Unterschiede sondern die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt des Zusammenlebens zu stellen. Dies wäre die Grundlage dafür, daß wir keine Veranlassung mehr besitzen, uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen und der Absicht der Herrschenden und Mächtigen, uns mit der perfiden Strategie des „divide et impera“ aufeinander zu hetzen, ein wirksames Gegenmittel entgegen setzen können.
Erklärung zum Geist der Bibelauslegung sowie der historischen Genese der Bibel
Wir sollten uns im Klaren darüber sein, daß die Bibel weder ein von Gott diktierter Text ist, dessen Autor verbürgt wäre oder nur eindeutig historisch beweisbare und nachvollziehbare Abläufe enthält. Die Texte stammen von den verschiedensten Autoren aus unterschiedlichen Jahrhunderten, die den Inhalt auch nur aus ihrer subjektiven Sicht und persönlichen Interessenslagen geschrieben haben. Außerdem müssen die Lebensumstände, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse sowie der geistige Horizont der Menschen, zu deren Lebzeiten die Texte verfaßt wurden, berücksichtigt werden. Da ihnen viele technische oder wissenschaftliche Erkenntnisse, über die wir heute verfügen, unbekannt waren, mußte ihnen die beabsichtige Botschaft in einer für sie verständlichen Form übermittelt werden, über die wir heute vielleicht lächeln.
Darüber hinaus darf nicht übersehen werden, daß es viele Bibelvariationen des Alten und Neuen Testaments oder der Evangelien gibt, von denen einige von den religiösen Institutionen offiziell freigegeben, andere jedoch unter Verschluß gehalten oder für "apokryph" erklärt wurden. Die Übersetzung ins Römische sollte eine Übersetzung ins Lateinische sein, nämlich die sog. "Vulgata". Das ist aber noch lange nicht alles, was es beim Lesen eines vorliegenden deutschen Bibeltextes zu berücksichtigen gibt. Die Urtexte wurden in Althebräisch oder Altarmäisch niedergeschrieben. Danach erfolgten die diversesten Übersetzungen (Bibelrevisionen) von den verschiedensten Experten mit nicht immer lauteren Motiven, die oft von ihrer Obrigkeit zur Übersetzungsarbeit veranlaßt wurden, wobei mit Sicherheit interessengeleitete Übersetzungsabsichten vorlagen. Die Übersetzungen wurden zuerst ins Griechische, dann ins Römische, dann ins Alt- und Mittelhochdeutsche und schließlich von Luther (Lutherbibel) ins Frühneuhochdeutsche vorgenommen. Auch später bis in die heutige Zeit gibt es immer wieder Versuche von Neuübersetzungen, Interpretationen und Anpassungen an den Sprachwandel. Dieses Procedere erfolgte natürlich in fast allen Sprachen der Welt, so daß man sich die daraus entstehende babylonische Sprachenverwirrung vergegenwärtigen kann.
Jeder kann sich doch plastisch ausmalen, daß dabei Übersetzungsfehler vorgekommen sind, selbst wenn der Übersetzer die besten Absichten hegte. Aber wie bereits erwähnt, können wir nicht davon ausgehen, daß alle Übersetzer oder ihre Auftraggeber an der wahren Urbedeutung interessiert waren und viele sich in ihrer Übersetzung an die zeitgenössischen Ideologien angepaßt haben. Es gibt noch einen weiteren wesentlichen erschwerenden Umstand bei der Übersetzungsproblematik: nämlich der Faktor der enormen Unterschiedlichkeit der Sprachstrukturen, sowohl im Vergleich der antiken toten Sprachen zu den heutigen als auch in der Gegenüberstellung der heutigen noch lebenden Sprachen. Sie differieren in ihrem Sprachschatz und ihren Wortbedeutungen ganz erheblich. Sprachwissenschaft und vor allem die "Etymologie" beschäftigen sich mit diesen Phänomenen, die bei Übersetzungen jeder Art äußerst relevant sind. So finden sich in den Ursprachen der Bibel Wörter, die im Deutschen oder anderen Sprachen nicht vorkommen oder eine ganz andere Bedeutung besitzen und somit nicht korrekt transkribiert werden können. Wenn es sich dabei um Begriffe handelt, die für das Verständnis des Textes die Grundlage bilden, dann steht die Tür für Falschinterpretationen weit offen.
Wenn wir uns all diese Umstände vor Augen führen, dann kann wirklich kein Mensch klaren Verstandes die Bibel aus den vorliegenden Neuauflagen wörtlich auslegen. Es ist nun einmal eine Tatsache, daß noch niemals eine objektive Niederschrift und Interpretation der Bibel existiert hat oder es sie jemals geben wird – ganz gleich ob es sich bei dem jeweiligen Interpretator um einen Wissenschaftler, einen Theologen oder einen Laien handelt. Daher ist es schlicht unmöglich, die Bibel eindeutig in einer Richtung und objektiv zu erklären, weil alle daran Beteiligten Menschen waren und sind, die ihre subjektiven Bewertungen zwangsläufig einbringen.
Nun rechne ich natürlich damit, daß von selbsternannten Gläubigen der Einwand kommt, daß bei der Bibelerstellung ja schließlich Gott im Spiel gewesen sei und der hätte einen Anspruch auf Objektivität und absolute Wahrheit. Aber Realität ist, daß Gott niemals direkt und öffentlich aufgetreten ist – sämtliche Zeugnisse wie auch die 10 Gebote sind durch fehlbare menschliche Mittelspersonen weitergegeben worden, die letztendlich ihre persönlich-subjektiven Meinungen und Interpretationen in diese „göttlichen“ Übermittlungen haben einfließen lassen. Was jedoch noch stärker in die Waagschale fällt, ist die Frage nach der Realität der Authentizität des persönlichen Gesprächs zwischen Gott und Moses. Der Gedanke muß doch erlaubt sein, daß Gott (zumindest in einer menschlich vorstellbaren Ausprägung) überhaupt lediglich „nur“ eine hilfreiche Vorstellung der Menschen visualisiert, um ethische Wertvorstellungen grundsätzlicher Art zu manifestieren und den Menschen damit humanistische (im heutigen Verständnis) Lebensrichtlinien an die Hand zu geben. Auf diese These werde ich in einem späteren Beitrag noch detaillierter eingehen.
Diese Erläuterungen zur Bibelauslegung habe ich deswegen vorgelegt, um zu beweisen, daß meine oder auch die Frommsche Thesenführung von der sozialpolitischen Relevanz der Bibel bzw. der 10 Gebote legitim ist. Ich beanspruche dabei aber keine Ausschließlichkeit gegenüber anderen Sichtweisen. Aber ich denke, wenn jede Herangehensweise sowieso subjektiv verläuft, dann kann ich der Bibel auch gleich eine Deutung verleihen, die sowohl logisch ist als auch etwas zum Wohle der Menschheit in der heutigen Zeit beiträgt.
Peter A. Weber
