Die selbstverschuldete organisierte Verblödung u. Regression der Gesellschaft
A. Grundlagen der Entwicklung
a. allgemeine Grundlagen
Wenn man herausfinden will, warum der Mensch so ist, wie er ist oder warum er sich so entwickelt, wie er sich entwickelt, dann gehört dies sicherlich zu den komplexesten Themen der Menschheit überhaupt. Eigentlich müßte man bei dieser Erkenntnis bereits resignieren und denken, daß sich darüber schon klügere Köpfe als man selbst Gedanken gemacht haben. Trotzdem wollen wir nicht aufgeben und mit den grundlegenden Prägungskriterien des Menschen beginnen.

Bequemlichkeit als Weg zur Verdummung
Es existieren vielfältige Ursachen für psychische Störungen, Verhaltensauffälligkeiten und Krankheiten, aber auf der anderen Seite auch für positive biophile Entwicklungen des Menschen. Diese sind sämtlich entweder genetisch, biografisch oder soziologisch determiniert. In Bezug auf die sozialen und psychisch-psychoanalytischen Zusammenhänge können wir nur die Lektüre von Erich Fromm empfehlen. Er hat als erster auf der Basis der Erkenntnisse von Marx und Freud umfassend erkannt, in welch prägender Weise das Verhalten des Menschen zu den ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Erfordernissen des Kontextes, der Kultur und der Welt steht, in der er aufwächst und heranwächst. Aus diesem Zusammenhang heraus können auch viele psychische und psychosomatische Deformationen und Pathologien erklärt werden.
Jedenfalls bewirkt der derzeitige gesellschaftliche Prozeß, der von ökonomischen und egomanischen Ambitionen dominiert wird, eine evolutionäre Regression auf niedrigere menschliche Entwicklungsstufen.
Vielleicht fühlt sich manch einer überfordert mit den genannten fachlichen Bezeichnungen. Für diesen Fall läßt sich eine jedem Menschen mehr oder weniger verinnerlichte Eigenschaft als sicheren Weg zur Verdummung anbieten: die Bequemlichkeit.
Es gibt ja Leute, die behaupten, der Mensch sei von Natur aus faul. Aber das ist nichts als wiederum eine bequeme Ausrede, um sich vor Arbeit und Verantwortung zu drücken! Die Konsumgesellschaft bzw. die dahinter stehende Kraft – die anbietende Wirtschaft – überschlägt sich mit sinnfreien Offerten, um den Verbrauchern nutzloses „Zeugs“ anzudrehen, mit dem Bequemlichkeit und „In-Sein“ angepriesen werden. Der Appell an die Faulheit der Menschen mittlels massiver Werbegehirnwäsche funktioniert offensichtlich. Wir werden dadurch im wahrsten Sinne des Wortes „verkauft“, denn die betreffenden Produkte, Informationsangebote und Dienstleistungen servieren uns Vorgekautes, so daß wir davon entwöhnt werden, eigene Wege zu beschreiten und unsere Eigenarten spielerisch auszutesten. Hier einige Beispiele dafür:
- Gadgets: überflüssige, meist minderwertige und überteuerte Artikel, die dem Käufer das Gefühl vermitteln, „trendy“ zu sein – ein irrationaler kollektiver "Hipp-sein-wollen Wahn".
- Convenience-Produkte (Fertigprodukte) der Lebensmittelindustrie, die uns vom Selbstkochen mit frischen Zutaten „befreien“ sollen
- die gesamte Palette technischer Produkte, die uns von körperlicher Bewegung abhält
- Indoktrination mit vorgedachten sog. alternativlosen Lösungen und vorgefertigten Meinungen, die unser kritisches wie logisches Denken verkümmern lassen
Es wird nur allzu leicht vergessen, daß wir auf diese Art und Weise eingeschläfert und zu zahnlosen Tigern gezähmt werden sollen, damit wir als willfährige Masse manövriert werden können. Wenn wir dieses Unterfangen nicht bemerken und all das widerstandslos mit uns geschehen lassen, dann sind wir wirklich die Dummen!

b . allgemeinpsychologische Gründe und Auslöser
An dieser Stelle wollen wir Alois Reutterer mit zwei Beiträgen zu Wort kommen lassen:
1. Die globale Verdummung – Zum Untergang verurteilt? (aus: Alois Reutterer: „Springer, Wien - New York 2005)
„Wir alle sind in mancher Beziehung dumm und handeln hin und wieder dumm. Daher muss jeder, der über dieses Phänomen spricht, paradoxerweise voraussetzen, sozusagen über den Dingen (auf einer Metaebene) zu stehen, also nicht dumm, sondern klug zu sein, obwohl genau diese Anmaßung als Zeichen für Dummheit gilt, wie schon Musil (1937) feststellte. Wer also über die Dummheit spricht, erhebt sich über sie. Dumm sind die anderen. Es ist wie bei jedem Massenphänomen: Keiner zählt sich selbst zur (manipulierbaren dummen) Masse. Allerdings stellt sich die Frage: Wer ist der Dümmere? Jener der sich für klug hält, oder der, welcher sich seiner Dummheit bewusst ist? Als „dumm“ bezeichnen wir aber nicht nur einen Menschen, sondern auch eine Handlung oder ein Überzeugungssystem, z.B. eines das wir für abergläubisch halten.
Die Beschäftigung mit der menschlichen Dummheit ist irgendwie auch deprimierend, weil man zwangsweise erkennen muss, wie unglaublich dumm Menschen sein und sich verhalten können. Man wird (nach Grossgebauer 2001) mit den furchtbarsten Fehlverhalten des einzelnen Menschen und denen der gesamten Menschheit von den Anfängen der Menschheit bis in die heutige Zeit konfrontiert. Die Dummheit entpuppt sich als eine heimliche und zugleich unheimliche Weltmacht.
Dummes Verhalten setzt nicht unbedingt persönliche Dummheit im Sinne von Intelligenzmangel voraus. Eine angeborene Disposition dafür gibt es nur sehr beschränkt. Die wahren Ursachen für dummes Verhalten liegen weniger in einem Mangel an Denkvermögen als vielmehr im emotional-triebhaften Bereich ….“
Der Autor setzt seine Erläuterungen mit folgenden Kapitelüberschriften fort:
- Was ist „Dummheit“ ?
- Es gibt zahlreiche Ursachen, warum wir dumm handeln. Wir handeln dumm, weil:
- allgemein können wir festhalten
- Reiche der Dummheit
- Kampf der Dummheit?
Zu dieser Auflistung des Autors sind uns noch folgende persönliche Kriterien eingefallen:
- weil wir von uns der politischen Propaganda in die Irre führen lassen
- weil wir uns von Werbung und insgesamt der Konsumgesellschaft materielle Werte und Ersatzbefriedigungsbedürfnisse haben aufschwatzen lassen in der Hoffnung, wir könnten durch kurzfristige Bedürfnisbefriedigung ein zufriedenes Leben führen
- weil wir unserem Narzißmus, der Selbstüberschätzung und Eitelkeit unterliegen
- weil wir Gewohnheitstiere sind und zu doof um zu bemerken, daß Überraschungen das Salz des Lebens sind
- weil wir uns einseitig strukturieren haben lassen, zu Fachidioten geworden sind und dadurch übergreifende Zusammenhänge aller Dinge nicht mehr erkennen können
- weil wir nicht aus der Geschichte und unseren Fehlern lernen wollen
- weil wir uns Angst einreden lassen, irrelevante Gefahrenquellen überschätzen, die wirklichen Gefahrenherde aber übersehen oder verdrängen
- weil wir so naiv sind, jedem Rattenfänger und Demagogen zu glauben, der
- ein geschliffenes Auftreten hinlegt
- sich gut darstellen und verkaufen kann
- schauspielern kann
- uns mit überzeugendem Ton unter Bezugnahme auf angeblich abgesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse „Alternativlosigkeiten“ andreht
- genügend bezahlte Experten um sich versammelt hat und seine Unwahrheiten nur oft genug wiederholt
- uns fragliche Sicherheiten verspricht
- uns Wohlstand und Wohlergehen in Aussicht stellt, wenn wir ihm bereitwillig folgen
- uns die Selbstregulierungsfunktionen des Marktes als Erfolgsmodell aufschwätzt
2. Multiple Dummheit (von Alois Reutterer)
„Als Gegenteil der Intelligenz wird meist die Dummheit angesehen. So wie es – nach Gardner – nicht die Intelligenz gibt, so gibt es auch nicht die Dummheit, sondern die verschiedensten Formen davon. Kein Mensch ist generell dumm, sondern nur partiell, der eine in dieser, der andere in jener Hinsicht. Und so wie man bei Gardner’s Intelligenzformen besser von verschiedenen Begabungen oder Talenten sprechen sollte, handelt es sich bei den Formen von Dummheit um partielle Unbegabtheit, um einen Mangel an bestimmten Fähigkeiten oder Talenten. Ein Mensch, der sich sprachlich schlecht auszudrücken vermag, kann z.B. ein mathematisches Genie sein und einer, für den Mathematik ein „spanisches Dorf“ bleibt, ist vielleicht ein Sprachtalent oder ein guter Tänzer, ein geschickter Handwerker oder kreativer Künstler. Den vollständig dummen Menschen gibt es nur theoretisch.
Meist wird der Begriff »Dummheit« jedoch für eine mindere intellektuelle Leistungsfähigkeit verwendet. Liegt diese unter dem Durchschnitt, so wird er gemeinhin als „dumm“ eingestuft. Diese Dummheit kann angeboren (Schwachsinn) oder erworben (erlernt) sein (wie beim Fanatismus).
Andererseits genügen abstrakte Intelligenz, die Fähigkeit, lesen, schreiben und rechnen und kritisch argumentieren zu können, allein nicht, um uns vor Dummheit zu bewahren und klug handeln zu lassen. Emotionen und Intuitionen sind meist viel stärker als das nüchterne, streng rationale Denken. Die Stimmung des Augenblicks setzt sich nur zu leicht durch gegenüber der Stimme der Vernunft. Unter den Einflüssen von Gefühlen und Trieben (viel mehr als durch logische Denkfehler) kommt es zu dummen Entschlüssen und Fehlentscheidungen. Wir sollten versuchen, uns dieser Abhängigkeiten und Zusammenhänge mehr bewusst zu werden.
Der Ausdruck »Dummheit« ist auch deshalb so schwer begrifflich zu fassen, weil uns „dumm sein“ und „dumm handeln“ in verschiedensten Formen entgegentritt. Einige wollen wir hier gegenüberstelle …“
Der Autor setzt seine Erläuterungen mit folgenden Kapitelüberschriften fort:
- Naive und intellektuelle Dummheit
- Logische und emotionale Dummheit
- Individuelle und kollektive Dummheit
- Angeborene und erlernte Dummheit
- Fakultative und essenzielle Dummheit
- Dummheit in der Geschichte
- Kampf gegen die Dummheit
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B. psycho-soziale Ursachen und Folgen:
a. genetische (Vor)prägung
Über den Anteil der genetischen Prägung am Verhalten des Menschen wurde und wird von Laien und Fachleuten viel diskutiert. Weil hier jedoch keine definitiv bewiesene Annahme in Sicht ist, wollen wir es bei der Aussage belassen, daß diese von vielen Faktoren abhängig ist. Das Ergebnis ist letztlich nicht nur von den Genen selbst, sondern vom Neigungsverhalten und Förderungs- bzw. Unterdrückungsangebot der Umwelt abhängig.
In diesen Zusammenhang gehört der umstrittene Begriff des Behaviorismus , der sich bzgl. der Prägung übertrieben auf Reize stützt und soziale Phänomene vernachlässigt.
b. Sozialisierungsprozeß während der Säuglingsphase sowie im Kindheits- und Jugendalter
Die wichtige Sozialisierung der Kinder fängt bereits nach der Geburt an und zeigt, wie diese Zeit den Menschen dann für sein späteres Leben entscheidend prägt. Früher erfolgte eine Wertevermittlung durch Vorleben der Werte in der Familie inkl. Großeltern.
Den Familienverbund (Eltern, mehrere Geschwister, Großeltern..) findet man heute deutlich seltener, hingegen einen stetig wachsenden Prozentsatz von Kindern, die in Haushalten von Alleinerziehenden aufwachsen.
Heute haben bereits die meisten Kleinkinder mediale technische Produkte als Ablenkungsobjekte zur Verfügung, die zur Entfremdung und Abhängigkeit beitragen. Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) gilt als Hauptursache des Fernsehkonsums im Kindesalter und auch das Internet trägt zur Ablenkung bei. So wird über die Jahre das potenzielle kreative Element einer geistigen Verselbständigung in einen reinen materiellen Konsum von Unterhaltung umgemünzt und die eigene analytische Denkfähigkeit radikal reduziert!
Die Medien erhalten so tagtäglich einen unglaublichen Einfluß auf unser Denken. Ganz bewußt zielt die Wirtschaft über die Medien mit massiver Werbeunterstützung auf die Kinder, um sich diese auch für die Zukunft als Zielgruppe zu bewahren.
Die Medien generieren zunehmend künstliche Ersatz-Bedürfnisse, die im Grunde gar nicht bestehen und nutzen dabei alle die ausgeklügelsten psychologischen Tricks, um Produkte zu vermarkten und eine grenzenlose Bedürfnisnisstruktur ohne jegliche Aussicht auf endgültige Befriedigung zu schaffen. Eigentlich ist dies - sachlich betrachtet - ein Großangriff sowie eine Gehirnwäschestrategie der Medien auf unsere Entscheidungsfreiheit und auch auf das gesamte Wertedenken und das Empathieempfinden der Gesellschaft.
Eine geistig-intellektuelle Regression bewirkt einen Verlust dessen, was den Mensch erst zum Menschen machte, "nämlich der Geist, dessen moderne Form das kritische Bewußtsein ist" (Zitat aus dem Buch von Bernard Stiegler „Die Logik der Sorge: Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien“, Seite 69).
Hinter diesem Phänomen vermutet Stiegler eine unser politisches System gefährdende Bedrohung, die er mit der Bezeichnung Telekratie umschreibt: "Die Telekratie hat heute die Demokratie ersetzt - und es wird immer deutlicher, daß die Telekratie, die die ökonomisch-politische Konkretisierung der Psychomacht darstellt, jegliches Gefühl der Verantwortung zerstört, was insbesondere für die Jugend und die Kinder zunehmend katastrophale Folgen zeitigt" (Seite 84)
Das Fernsehen und andere manipulativ gleichgeschaltete, gesteuerte Massenmedien verblöden, kastrieren die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, treiben uns in die Unmündigkeit und bedrohen damit letztendlich auch unser gesamtes gesellschaftliches und politisches System.
c. prägender Kontext des Erwachsenen
- diverse Einflüsse und Folgen
Beim Erwachsenen baut die Entwicklung der Persönlichkeit natürlich auf den Kindheitsprägungen auf und wird zunehmend verstärkt durch psychosoziale Einflüsse, die auch schon im Kindheits- und Jugendalter vorhanden sind, die wir jedoch in diesem Kapitel abhandeln wollen.
In diesem Kapitel soll mit Nachdruck auf die Arbeit von Erich Fromm hingewiesen werden, der zu dieser Thematik unseres Erachtens einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Allerdings müssen wir hier nicht mehr ins Detail gehen, denn gleich nebenan auf der Startseite könnt Ihr unter unserem Schwerpunkt „Erich Fromm – eine Würdigung seines Wirkens“ alles Wissenswerte erfahren.
Trotzdem möchten wir einige Schwerpunkte der Frommschen Erkenntnisse in den Vordergrund rücken, weil sie bestimmend sind für die Verhaltensausgestaltung. Fromm hat u. a. nachgewiesen, daß
„[..]jeder Mensch über Assimilierungs- und Sozialisationsprozesse auch innere Verhaltensdispositionen entwickelt, mit denen er den Erfordernissen jener Lebenswelt gerecht wird, in der er lebt. Form nannte diese Verhaltensdispositionen Gesellschafts-Charakterorientierungen. Mit dem Begriff Charakterorientierung (statt Persönlichkeitstypus) unterstrich Fromm, daß solche Verhaltensdispositionen als – bewußte und unbewußte – leidenschaftliche Grundstrebungen zu verstehen sind, die sich in allen Äußerungsweisen des Denkens, Fühlens und Handelns eines Menschen zu manifestieren versuchen.“
Zitat Rainer Funk aus seinem Buch „Der entgrenzte Mensch“ S. 106
Das bedeutet nichts Anderes, als daß Menschen mehr oder weniger von den Normen der Gesellschaft vereinnahmt werden, ob sie wollen oder nicht. Die Frage ist nur die der Qualität dieser Normen, derer sich die Gesellschaft bedient, um sie zusammen zu halten. Im Idealfall sind diese Verhaltensregeln identisch mit denen, die dem Individuum ebenfalls förderlich sind zu seiner biophilen und kreativen Entfaltung. Aber dieser Fall tritt in der Realität praktisch nie ein, denn die Kriterien werden zum größten Teil von herrschenden Elementen – also einer Minderheit – aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Geldadel bestimmt und decken sich somit nur zu einem (geringen) Teil mit den Interessen des Gros der Bevölkerung oder des einzelnen Menschen. Folglich wird die Parole ausgegeben:
„Normal und „gut“ ist, was für die Gesellschaft „gut“ ist und für deren Erhalt sorgt“
Daraus abgeleitet entstehen dann Sprüche wie „sozial ist, was Arbeit schafft“ oder „Arbeit macht frei“. Erich Fromm hat diese sog. Pathologie der Normalität - siehe Literaturtipps im Forum
in seinem gleichnamigen Buch beschrieben und ad absurdum geführt. Ein Ausspruch Fromms lautet „ Die Kranken sind die Normalen und die Normalen sind die eigentlichen Kranken“. Es zeigt sich, daß Menschen umso anfälliger gegenüber Rattenfängern und Demagogen sind, je weniger Selbstbewußtsein sie besitzen – sie übertragen dann ihre nicht vorhandene persönliche Stärke auf Führerdarsteller. Nationalismus (eigentlich ein auf die Gesellschaft übertragener Narzißmus), autoritäre Strukturen und feudalistische oder diktatorischen Staatsformen sind die Folge davon.
Wir müssen deshalb aufpassen, daß wir nicht in einen solchen Sog geraten und uns stets das weise Sprichwort „wehret den Anfängen“ vor Augen halten. Ein wenig Konformität und Anpassung ist wohl nötig, um gesellschaftliche Strukturen aufrecht zu halten, ansonsten gerät man auch in den Verdacht ein geborener Pessimist und notorischer Neinsager zu sein. Aber Vorsicht: es ist eine Gratwanderung und zu viel des „Guten“ an Anpassung ist wirklich gefährlich!
Die Entmündigung der Menschen durch diese mediale Aufmerksamkeitshysterie und die wirtschaftlichen, kapitalistischen und politischen Machtstrukturen führen zu einem Verlust oder zumindest einer Einschränkung an / von:
- analytischer Selbstreflektion, was von außen mit und passiert
- Wertevorstellung,
- Kritikfähigkeit
- Medienkompetenz
- (Selbst)Disziplin und Selbstbestimmung
- kreativer Geistesentfaltung
was wiederum zur Folge hat:
- selbstverschuldete Unmündigkeit
- eine Infantilisierung der Gesellschaft
- strukturelle Verantwortungslosigkeit
- gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeitsstörung
- Verdummung und geistige Abflachung der Gesellschaft
In erschreckendem Maße ist auch eine Gleichgültigkeit und ein (ungesunder) destruktiver Egoismus festzustellen, der oft im Frust über die eigene finanzielle Situation sowie die daraus resultierenden gesellschaftlichen Nachteile und Begrenzungen begründet ist.
- Wissensvermittlung
Im Zusammenhang mit Wissensvermittlung versuchen wir immer zu verteidigen und argumentieren, daß schließlich Wissen und Theorie die Basis für späteres sinnvolles Handeln darstellt. Wer unwissend ist, kann die Zusammenhänge nicht begreifen und ist nicht in der Lage, sich ein realistisches Bild der Wirklichkeit zu machen. Schließlich wird doch wohl niemand ernstlich behaupten, daß all die Jahrtausende andauernde Arbeit von Philosophen und Wissenschaftlern, die in zigtausenden schlauer Büchern veröffentlicht wurde, sozusagen für die Katz sei.
Jede Erkenntnis der Menschheit baut auf den Erfahrungen und Theorien der Altvorderen auf – und alles, was wir denken oder schreiben, ist wahrscheinlich schon einmal gedacht oder geschrieben worden, jedenfalls in ähnlicher Form. Denn wir können das Rad nicht mehr neu erfinden, und wenn man es genau nimmt, dann ist jeder gesprochene Satz und jedes geschriebene Wort auf irgendeine Weise „geklaut“ oder entliehen und müßte als Zitat gebracht werden. Wenn wir über Wissensanreicherung reden, dann sollten wir unterscheiden zwischen zweierlei Arten von Wissen
- dem „gefressenen“ Wissen, das wir uns selbst eintrichtern oder von Schule / Uni / Ausbildung / Gesellschaft / Norm als Pflichtwissen auferlegt wird und das eigentlich nur dem Zwecke der Reputation dient – also nach dem Motto: „non vitae, sed scholae discimus“ (nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir), mit dem bereits Seneca die zweckentfremdende Wissensanhäufung kritisiert, und
- dem lebenspraktischen Wissen, das in den Alltag integriert werden kann, das das Seneca-Zitat in sein Gegenteil verkehrt, uns in die Lage versetzt, uns als Gegenteil eines Fachidioten zu entwickeln, das Leben zu durchdringen und es auf solidarische Weise zu meistern
d. technologisch machbare und dem Zeitgeist geschuldete Faktoren zur Entgrenzung des Menschen
Bevor es hier weitergeht, möchten wir kurz rekapitulieren, um das von uns gesteckte Thema nicht zu verfehlen. Was hat Entgrenzung mit Dummheit zu tun – das ist hier die Frage. Der Zusammenhang ist eigentlich nicht schwierig herzustellen. Wie im folgenden Text herausgearbeitet wird, zieht Entgrenzung Abhängigkeit und Vernachlässigung der ureigensten Antriebskräfte sowie Reduzierung der Kritikfähigkeit nach sich. Genau das sind die Faktoren, die die Menschen in Oberflächlichkeit, Abstumpfung, Ängstlichkeit und Dummheit treiben und die von den Herrschenden und Profiteuren der bestehenden Verhältnisse erwünscht werden.
Was die Erforschung der neuzeitigen technologisch bedingten Möglichkeiten des Menschen angeht, sich fremder – nicht aus seinem ureigenen menschlichen Potenzial entsprungenen – Instrumentarien medialer und virtueller Art zu bedienen, die die Gefahr einer Entfremdung und Entgrenzung des Menschen in sich bergen, hat Rainer Funk Grundlagenarbeit geleistet. Auf dem Umschlagtext seines Buches „Der entgrenzte Mensch“ ist nachzulesen:
„Das Ausloten und Überschreiten von Grenzen ist etwas Urmenschliches. Nur so entstehen Freiheit und Unabhängigkeit. Heute geht es jedoch nicht mehr nur um das Überschreiten von Grenzen sondern um eine Entgrenzung, die keinerlei Grenzen mehr anerkennen will. LÄUFT DAS NOCH RICHTIG ?“
„Ohne näher auf die Frage einzugehen, wie im einzelnen die Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens verinnerlicht werden, interessiert hier vor allem, mit welcher leidenschaftlichen Grundstrebung Menschen von heute auf die Entgrenzungsphänomene in Wirtschaft, Arbeitswelt, Gesellschaft und Kultur reagieren. Denn daß das Eingebundensein in die umfassenden Entgrenzungsvorgänge und die Nutzung der technischen Wunderwerke der Entgrenzung ohne Folgen für die psychische Antriebsstruktur des Menschen und die emotionalen Zentren im Gehirn bleiben, ist kaum vorstellbar.“
Rainer Funk „Der entgrenzte Mensch“ S. 107
Um die Thematik zu verstehen, ist es erforderlich, sich zunächst mit einer Definition von Grenzüberschreitung und Entgrenzung zu beschäftigen.
- Grenzüberschreitungen
Grenzen überschreiten und sie zu transzendieren ist Voraussetzung für gesunde psychische Entwicklung. Die Problematik und gleichzeitig die Grundlage das Gelingen sind die mit diesen Übergängen verbundenen Trennungsschwierigkeiten, die nur mit Mühe, Anstrengung und Selbstüberwindung gemeistert werden können und damit zu einem Reifungsprozess beitragen.
Im Leben jedes Menschen existieren drei Übergangsphasen, von Art der Bewältigung es abhängt, wie die spätere Lebensbewältigung von statten geht:
1. Der Abschied von der totalen Abhängigkeit und bedingungslosen Liebe des Säuglings und Kindes zur Mutter.
Es handelt sich um den Übergang zur bedingten Liebe des Vater bzw. der übrigen Bezugspersonen und den damit verbundenen Appell an das Kind, seine Eigenkräfte Schritt für Schritt weiter zu entwickeln, um ein selbstverantwortetes Leben führen zu können, das auf Anerkennung aufgrund von eigenen Leistungen basiert.
Eigentlich müßte man noch die Phase vor der Geburt ausweisen, die mit dem schmerzvollen Einschnitt des Geburtsvorganges abgeschlossen wird und ebenfalls für das weitere Leben eine unbewußte und einschneidende Prägung vornimmt.
2. Der Übergang (Initiation) in das selbstbestimmte Erwachsenenleben mit Erwerbstätigkeit und Familiengründung.
Diese Phase fällt in die Zeit der Pubertät, und sie ist deshalb von einer zwiespältigen Gefühlswelt begleitet. Der Jugendliche muß sich einem Kampf sozusagen zwischen zwei Welten stellen und ein emotionales Wellenbad durchleben.
3. Der Abschied vom Arbeitsleben und das Bewußtwerden des Nachlassens der körperlichen Kräfte bringt den alternden Menschen, der nicht auf Verdrängung aus ist, in Konfrontation mit Tod, Vergänglichkeit und stellt insbesonderen den Aspekt der Begrenztheit des Lebens in den Vordergrund.
„Wem es nicht gelingt, die körperliche Vergänglichkeit zu akzeptieren und von einem Leben aus der Fülle der physischen Möglichkeiten Abschied zu nehmen, versucht zwar den Vorboten des körperlichen Todes aus dem Wege zu gehen, erleidet dabei aber einen vorzeitigen psychischen Tod.“ Zitat Rainer Funk.
- Entgrenzung
Eine Entgrenzung stellt jedoch etwas grundsätzlich Anderes dar, als nur Grenzen zu überwinden. Entgrenzung meint, daß überhaupt keine Grenzen anerkannt werden und daß die danach strebenden Menschen Grenzen beseitigen wollen oder sie einfach verleugnen.
Es geht hier um den Drang zu radikaler Selbstbestimmung und einem Anspruch auf Freiheit ohne Grenzen, die in dem Versuch mündet, eine Löschung der eigenen Lebensbiografie herzustellen, die eine Vermeidung von Auseinandersetzung mit alltäglichen und psychischen menschlichen Begrenzungen herbeiführt. Oder anders ausgedrückt, haben wir es mit der Kreation einer selbstkonstruierten, selbst zusammengebastelten Persönlichkeit zu tun.
Das Entgrenzungsstreben läuft hinaus auf eine „Neukonstruktion von Wirklichkeit mit Hilfe der Beseitigung oder Verleugnung von Grenzen in Gestalt von Vorgaben und Maßgaben, Verbindlichkeiten und Begrenztheiten sowie von Widerständigkeiten, die aus der Begrenztheitserfahrung von Leben resultieren.“ (Zitat Rainer Funk) Vorhandene gesellschaftliche und individuelle Normen und Regeln werden ausgeblendet und der Versuch unternommen, eigene autonome Regeln aufzustellen.
Man managt dies, indem man die Brücken zur realen Welt abbaut, und z. B. der virtuellen und eingebildeten Realität den Vorzug vor der realen gibt. Man erschafft sich inszenierte Gefühlswelten und Wirklichkeiten, wozu die digitale und virtuelle Technik, die Vernetzungsmöglichkeiten und die Medienangebote einen idealen Einstieg bieten. Langeweile wird durch Zerstreuung durch Events und anderen (fremd-)gemachten Angeboten bekämpft.
Der größte Feind der Entgrenzung ist der Aufbau von Bindungen, Verbindlichkeiten und Verantwortung. Denn er ermöglicht die bei einem psychisch Gesunden das Funktionieren der Realitätsprüfung, also dem Abgleich zwischen Wirklichkeit und Imaginärem. In der Terminologie von Rainer Funk spielt der Begriff der „Realitätsprüfung“ eine entscheidende Rolle, die er wie folgt definiert:
„Psychologisch gesehen ist die Realitätsprüfung ein ganz zentrales Erfordernis menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Die schwersten psychischen Erkrankungen gehen mit einer geschwächten Fähigkeit zur Realitätsprüfung einher und werden durch sie verursacht.
Wenn die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Scheinwelt, Wunschwelt, subjektiv erlebter Realität einerseits und äußerer Realität andererseits schwindet, wenn immer mehr Menschen sich nicht mehr kritisch fragen, inwieweit das eigene Wahrnehmen und Tun den Anforderungen der Realität entspringt oder der Plausibilität von suggerierten virtuellen Welten , wenn in wachsendem Maße die Art zu leben nicht mehr daraufhin überprüft wird, ob sie das Ergebnis der Möglichkeiten und Grenzen des Leben und Zusammenlebens ist, dann sind dies Anzeichen dafür, daß die lebens- und überlebenswichtige Fähigkeit des Ichs zur Realitätsprüfung geschwächt ist.“ Rainer Funk „Der entgrenzte Mensch“ S. 84
- Folgen und Spielwiesen der Entgrenzung
Grundsätzlich führt Entgrenzung zur Schwächung des Ichpotenzials, d. h. der Antrieb, selbst aus eigenen Kräften kreativ zu erschaffenen, wird vernachlässigt. Eigengemachtes wird durch Konzentration auf Fremdgemachtes ersetzt, weil man dies ohne Frustrationserlebnisse und Arbeit sozusagen auf dem Tablett serviert bekommt. Bindungslosigkeit zu sich selbst und zu anderen stellt sich ein. Der Bezug zur realen Welt und menschlichen Bezugspersonen aus Fleisch und Blut und emotionalen Bedürfnissen geht allmählich verlustig.
Es erfolgt eine Art Doping der Seele durch Ausblendung und Verdrängung von allem, was unangenehm ist, Mühe verursacht, mit Trennung, Verlust, Bindung oder Trauer zu tun hat. Um den Effekt aufrecht zu erhalten, muß die Frustrationstoleranz erhöht werden. Frustrationstoleranz ist ein Begriff aus dem Umfeld von Abhängigkeitserkrankungen. Er paßt in diesen Kontext ganz genau hinein, denn tatsächlich werden Abhängigkeiten erzeugt: zunächst von den Medien, die man für die Aufrechterhaltung und Steigerung der Entgrenzungsgefühle benötigt und dann schließlich zusätzlich durch Drogen, Medikamente, Alkohol und Kaufsucht, um die entstehenden Löcher zu stopfen.
Die Spielwiesen, auf denen sich das Entgrenzungsverhalten austobt, sind auf vielen Ebenen angesiedelt. In erster Linie ist natürlich das vergewaltigte eigene Ich und die Psyche/Seele zu nennen. Aber z. B. im Bereich der Kindererziehung spiegelt sich dies auch durch das Klammern der Eltern an die Kinder und ein sog. „Pampern“ wieder, wodurch die Grenzverarbeitungen der Kinder behindert werden. In der Arbeitswelt ist die Entgrenzung mittlerweile ebenso zu Hause, was schon Karl Marx treffend beschrieben hat, denn die Entfremdung der Arbeit, des Arbeitslebens und der hergestellten Produkte in einem globalisierten und damit entfremdeten, dem eigenen Gesichtskreis entzogenen Umfeld stellt ebenfalls eine Entgrenzung dar. Die Liste würde noch sehr lang werden, wollte ich sie vervollständigen.
Wichtig ist allerdings noch die Bemerkung, daß technologische, individuelle und gesellschaftliche Abhängigkeiten üblicherweise unausgesprochen zum Tabu erklärt werden, so daß wir von einem schon fast totalitär zu bezeichnenden Zustand der Verdrängung, Verleugnung und Rationalisierung gefangen gehalten werden.
- Grenzen sind nötig
Wie der Autor des Buches „Der entgrenzte Mensch“ Rainer Funk, sind wir auch der Meinung, daß Technik kein Teufelswerk ist und keine Bedenken bestehen, sich der vom Menschen geschaffenen Instrumente in einem maßvollen und sinnvollen Umfang zu bedienen. Dort wo das Maß endet, der Sinn entschwindet und der Mensch Schaden nimmt, ist die notwendige Grenze zu orten. Dies ist natürlich eine sehr subjektive und individuelle Verortung, die jeder selbst durch ein tägliches Gratwandern ausloten muß.
Wie bereits erwähnt, ist es für eine gesunde psychische Entwicklung absolute Bedingung, Grenzen zu überschreiten und sie zu transzendieren. Nur Erfahrungen, die aus eigenen Leistungen und Bemühungen resultieren, bilden ein dauerhaftes Selbstbewußtsein und eine resistente Zufriedenheit aus. Als Beispiele sind die sportliche Betätigung und die Leistungssteigerungen zu nennen, die man nur durch hartes Training erzielen kann. Wenn man in die Versuchung kommt, Doping einzusetzen, begibt man sich auch in diesem Bereich auf den Weg der Entgrenzung und betrügt sich selbst: auch dies ist eine Ausprägung der Dummheit!
Wir würden uns freuen, wenn Ihr mit uns über einzelne Aspekte dieses Themas im Forum diskutieren möchtet. klickt hier
C. Konsequenzen, Alternativen und Lösungsansätze
a. Haben oder Sein – Vom Haben zum Sein
Das allerwichtigste Kriterium, das uns zu einer Lösung der Problematik näher bringen kann, die Dummheit zu überwinden, ist der Wertewandel vom materiellem zurück zu immateriellem, sozialerem, genügsameren und zufriedenerem Denken und Handeln. Das bedeutet, daß wir uns auf die Frommschen Empfehlungen speziell aus seinen grundlegenden Werken „Haben oder Sein“ und „Vom Haben zum Sein“ konzentrieren und unser eigenes Potenzial ergründen, ausbauen und die Eigeninitiative fördern.
Damit werten wir unser Selbstbewußtsein auf, gelangen wieder zu selbstmotiviertem Handeln, können uns eine Basis für Kritikfähigkeit und zusammenhängendes Denken erarbeiten sowie die Oberflächlichkeit bekämpfen und unseren Aufmerksamkeitsquotienten erhöhen. Indem wir der Konformität eine immer geringere Chance geben, sind wir in der Lage unsere Abhängigkeiten abzubauen – zumindest diejenigen, bei denen es in unserer Macht liegt und denen, die wir uns nur eingebildet haben.
Eine besonders wichtige Fähigkeit ist in diesem Zusammenhang die Widerstandskraft gegen die Verführungen des Konsumismus, was heißt, daß wir uns wieder darauf besinnen sollten, was für unser Glück und Seelenheil tatsächlich relevant ist. Daran schließt sich die unvermeidbare Beschäftigung mit den ureigenen Vorstellungen eines lebenswerten Lebens, die darin gipfeln müssen, den Sinn des persönlichen Lebens zu formulieren. Das ist die unbedingte Voraussetzung dafür, wenn man zu einer dauerhaften zufriedenen Lebenseinstellung gelangen will.
b. Solidarität
Wenn uns an unserer Gesellschaft und dem Mitmenschen etwas liegt und wir noch ein Grundgefühl für so etwas Altbackenes wie Empathie und Nächstenliebe besitzen, dann sollten wir einmal schnellstens über den Begriff „Solidarität“ und seine Bedeutung für uns reflektieren. Dann kommen wir auch nicht umhin, Neid und Gier als Motivationsgrundlagen enttarnen, uns davon zu distanzieren sowie ein lebensfreundliches und biophil ausgerichtetes Gegenmodell aufzubauen.
Mitverantwortung und Gerechtigkeitsgefühl sind die Grundlage jeder Gesellschaft, die den Anspruch hat, eine soziale oder humane zu sein. Wenn diese Eigenschaften heutzutage nicht mehr opportun sind, ist genau das die Ursache für unsere bröckelnden gesellschaftlichen Fundamente und Fassaden. Dazu gehören wie selbstverständlich auch Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die wir wieder zu Ehren bringen sollten.
Wir bringen das alles aus tiefsteter Überzeugung zum Ausdruck und nehmen in Kauf, vielleicht etwas pastoral und altbacken zu klingen. Es kann nicht schaden, wenn man sich ausnahmsweise auch mal wieder auf die seit Jahrtausenden gültigen alten Werte besinnt, die sich bewährt haben und deshalb so falsch nicht sein können. Alles Alte und damit seine eigenen Ursprung über Bord zu werden oder zu verleugnen, hat noch nie zu guten Entwicklungen geführt.
c. Zivilcourage
Wer seine Zivilcourage wahrt, der leistet aktive Dummheitsbekämpfung. Man kann das nachfolgende Zitat von Horst-Eberhard Richter nicht oft genug wiederholen:
Bedenken gegen Anpassung
„Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist !
Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt - wohl wissend - dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen, das heißt, die eigene Gefügigkeit auch nicht mehr als Fluchtreaktion durchschauen.
Alles erscheint normal: die Verhältnisse, denen er sich ergibt, und der Verzicht auf Gegenwehr, den er eben gar nicht mehr als Verzicht erlebt !“
Als erstes muß man sich ein sicheres Fundament für selbstbewußtes und eigenverantwortliches Tun schaffen, indem man seine Ängste überwindet, seinen Charakter festigt und somit die Voraussetzung erbringt, um Mut zum Querdenken, Quersagen und gegen-den-Strom-schwimmen aufzubringen.

Leute, laßt Euch nicht ins Bockshorn jagen mit den falschen Verhaltensnormen, es sei unschicklich und unseriös, Gefühle, Wut oder Zorn nicht offen zu zeigen. Wer uns diese Verhaltensanleitungen - oder besser gesagt – Maßregeln vorschreibt, der hat nur Interesse daran, daß sich an den bestehenden Verhältnissen nichts ändert und er seine Privilegien bis in alle Unendlichkeit hin erhalten kann. Es ist im Gegenteil angesagt, die vornehme Zurückhaltung aufzugeben, Gegenwehr und Kampfbereitschaft wecken und diese offen zu demonstrieren!
d. Sicherheit + Freiheit
Vorsicht – man will uns einreden, daß wir nur über mehr Sicherheit zu mehr Freiheit gelangen können. Dies ist als grundsätzliche Aussage nicht anderes als eine Lüge. Zwar kann eine verträgliche Portion von Sicherheitschaffen die Freiheit verteidigen, was nicht zu bestreiten ist. Allerdings kippt die Balance sehr leicht um und wendet sich gegen den Bürger, wenn die die Sicherheitsaspekte übertrieben werden.
Dumme Menschen wiegen sich daher in trügerischer Sicherheit, wenn ihnen mit dem Ausbau von legislativen und exekutiven Mitteln als sicherheitsrelevante Maßnahmen die Verteidigung der Freiheitsrechte versprochen wird. Man muß sehr mißtrauisch sein, wenn die Staatsorgane mit oft fadenscheinigen Argumenten mit der Artillerie auf Spatzen schießen lassen.
Merke: Totale Sicherheit gibt es nicht und der versuchte Weg dorthin endet im totalitären Staat. Freiheiten zu erarbeiten und zu erhalten, bedeutet immer ein gewisses Risiko, denn die errichteten Freiheiten können dann von jedem in Anspruch genommen werden und damit auch mißbraucht werden. Mit dem kalkulierten Risiko, daß nicht jeder Bürger nur Gutes im Schilde führt, muß der Freiheitsanhänger leben können.
e. Demokratiebewußtsein
Die bis hier genannten Aspekte der Dummheitsvermeidung bilden wiederum den Boden für die Formulierung von (basis-)demokratischen Ansätzen zur persönlichen und Gruppenmitbestimmung in Gesellschaft und Staat. Im Themenbereich „Neue Gesellschaft..“ auf der Startseite und im Forum des Kritischen Netzwerks sind eine umfangreiche Palette von Modellen und Vorschlägen vorgestellt, um Wege zu einer demokratischeren Gesellschaftsform und die persönlichen Handlungsalternativen aufzuzeigen.

Verdummende fundamentalistische, nationalistischen und diskriminierende rassistische Bestrebungen sind uns – den Betreibern des Kritischen Netzwerks - ein Greuel und wir tun alles in unserer Macht liegende, um diesen entgegen zu wirken.
f. Technologiegläubigkeit und Grenzenlosigkeit
Die Technologie- und Wissenschaftsgläubigkeit in unserer Gesellschaft und Welt hat ein erschreckendes Maß angenommen. Alles was machbar ist, glaubt man, auch umzusetzen müssen.
Dieses Verhalten verschafft uns eine fast totale Abhängigkeit von der Technologie, die wir nutzen und die uns ja eigentlich dienen soll. Aber es existieren enorme gesellschaftliche Tabus, die daraus resultierende Abhängigkeit zu hinterfragen – und die meisten Menschen lassen sich auf die angebotenen Verdrängungsmechanismen ein, um nur nicht zu Bewußtsein zu kommen. Die Medien spielen in diesem gefährlichen und verdummenden Spiel eine ausschlaggebende Rolle.
Gerade auch die sog. neuen Medien, die uns den Zugang zu bisher ungeahnten visuellen und virtuellen Welten verschaffen können mit der Möglichkeit, unsere Ich-Indentitäten auszuwechseln sowie uns in jeder Beziehung zu entgrenzen, bilden eine bisher unterschätzte soziale und psychologische Bedrohung. Deshalb ist es ungemein wichtig, einen dosierten Umgang mit den neuen Medien pflegen und sich nicht zu deren Sklaven machen lassen.
Wer Grenzenlosigkeit mit innerer Freiheit verwechselt und sich nicht bewußt macht, daß Grenzenlosigkeit in letzter Konsequenz zu einer größeren Abhängigkeit führt als es die bisherigen vorgegebene Grenzen und Normen je vermocht haben, der hat sich wahrlich für dumm verkaufen lassen!
g. Einsicht als Lösungsweg aus dem Dilemma
Der Lauf der Dinge in der politischen und gesellschaftlichen Realität sowie das Bewußtsein über die Dummheit, Apathie und Gefühllosigkeit und fehlende Solidarität der meisten Menschen können zur Frustration und Aufgabe führen – müssen es aber nicht. Das Wissen um unsere Ohnmacht gegenüber der herrschenden Klasse, die ihre Interessen skrupellos auf dem Rücken der Mehrheit ausübt, kann nicht nur, sondern sollte auch zu Wut und Verurteilung dieser Unmoral führen. Wenn man bedenkt, daß sich die beklagenswerten gesellschaftlichen Umstände wahrscheinlich bis an unser Lebensende nicht entscheidend ändern werden, müßten wir rational gesehen die Entscheidung treffen, uns in die Verhältnisse zu fügen und in der Herde mitzulaufen. Aber wie heißt es so schön:
„Wer mit der Herde geht, kann nur den Ärschen folgen.“

Aber der Mensch ist kein rein rationell veranlagtes Wesen, und er ist aufgrund dieser Tatsache fähig, mit Paradoxien fertig zu werden und sich intellektuell und emotional auf die Integration von Gegensätzen einzustellen. Man kann es auch als eine große Kunst bezeichnen, Humanität, Ökologie und wirtschaftlichen Egoismus, den man ja nicht völlig unterdrücken kann und sollte, zu integrieren. Selbst wenn die Motivation zum Weitermachen und zur Gegenwehr nur auf Rationalisierungen beruht, dann hat sie ihre Berechtigung.
Es ist wohl als am günstigsten zu versuchen, Einsicht in die Dinge zu gewinnen, auf die man persönlichen Einfluß hat und diesen dann tatkräftig nutzt und die Dinge, die stören und nerven, aber fremdbestimmt und unabänderlich sind, einfach zu dulden. Wie bereits betont, sollte man dem Aufregen und den Emotionen den nötigen Freiraum lassen – aber auf der anderen Seite sollte demgegenüber eine gewisse Distanz aufgebaut werden. Man darf das Elend der ganzen Welt, das uns tätlich von den Medien auf dem Tablett serviert wird, nicht zu nah an sich heran lassen, denn dann zerbricht man daran.
Last but not least – und das ist ein schöner Schlußsatz für diesen Essay, empfehlen wir einfach mal abzuschalten, so daß man sich auch der schönen Dinge des Lebens widmen, den Augenblick genießen und sich einen gesunden Optimismus bewahren kann.
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D. weiterführende Literatur zum Thema
Der entgrenzte Mensch
Autor: Rainer Funk – Gütersloher Verlagshaus (Jan. 2011) - hier bitte weiterlesen
Die Logik der Sorge: Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien
Autor: Bernard Stiegler – Suhrkamp Verlag (3. Aufl. 2008)
Was ist Verstand? Was ist Vernunft?
Autor: Joachim Hofmann - Empeiria Verlag (2005/2006) - hier bitte weiterlesen
Das Ende der Egomanie
Autor: Horst-Eberhard Richter - Verlag Kiepenheuer & Witsch (2002)
Bedenken gegen Anpassung. Psychoanalyse und Politik
Autor: Horst-Eberhard Richter – Verlag Hoffmann u Campe (1995), Fischer Tb Verlag (1998)
Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie
Autor: Neil Postman – Fischer Tb Verlag (18. Auflage 1988)
Das Verschwinden der Kindheit
Autor: Neil Postman – Fischer Tb Verlag (17. Auflage 1987)
Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft
Autor: Erich Fromm - diverse Verlage - hier bitte weiterlesen
Vom Haben zum Sein - Wege und Irrwege der Selbsterfahrung
Autor: Erich Fromm - diverse Verlage - hier bitte weiterlesen
Von der Pathologie der Normalität – Zur Wissenschaft von Menschen
Autor: Erich Fromm - hier bitte weiterlesen
Den Menschen verstehen: Psychoanalyse und Ethik
Autor: Erich Fromm - hier bitte weiterlesen
Identität und Lebenszyklus
Autor: Erik H. Erikson - Suhrkamp Taschenbuch Verlag
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